# Psychologie – Klausurvorbereitung
## 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit

### Inhaltsverzeichnis
1. Vorlesung 1: Einführung in die Psychologie
2. Vorlesung 2: Lernen
3. Vorlesung 3: Entwicklungspsychologie
4. Vorlesung 4: Bindung
5. Vorlesung 5: Emotionen
6. Vorlesung 6: Motivation und Bedürfnis
7. Übungsklausur
8. Übungsklausur – Musterlösung

---

# Zusammenfassung der Vorlesungen

1. Vorlesung: Einführung
Was ist Psychologie?
= Wissenschaft vom Verhalten und von mentalen Prozessen

Verhalten = alles, was ein Organismus tut (beobachtbar)

Mentale Prozesse = Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Motivation usw.
Wichtig: Psychologie arbeitet wissenschaftlich durch:

Beobachtung

Experimente

empirische Forschung
Historische Entwicklung der Psychologie
Antike bis 18. Jahrhundert
Fragen früher Denker:

Sind Körper und Seele getrennt?

Ist Wissen angeboren oder erlernt?
Wichtige Vertreter:

Aristoteles

Platon

John Locke
Empirismus
Wissen entsteht durch:

Sinneserfahrungen

wissenschaftliche Beobachtung
Geburtsstunde der modernen Psychologie
Wilhelm Wundt (1879)

erstes psychologisches Labor in Deutschland

Beginn der modernen wissenschaftlichen Psychologie
Wichtige Richtungen
Strukturalismus
Analyse der Grundelemente des Bewusstseins
Methode: Introspektion (Selbstbeobachtung)
Funktionalismus
Frage: „Warum verhalten Menschen sich so?“
Fokus: Funktionen des Verhaltens
Schulen der Psychologie
1. Frühe Psychologie

Psychologie als „Wissenschaft vom Seelenleben“

Methode: Introspektion
2. Behaviorismus
Vertreter:

John B. Watson

B. F. Skinner
Merkmale:
 nur beobachtbares Verhalten wird untersucht
 Lernen durch Reize und Konsequenzen
3. Humanistische Psychologie

Fokus auf persönliches Wachstum

Bedürfnisse, Selbstverwirklichung, Beziehung
Wichtiger Vertreter:

Carl Rogers
4. Kognitive Wende
Fokus auf:
 Denken
 Gedächtnis
 Wahrnehmung
 Informationsverarbeitung
Anlage vs. Umwelt
Zentrale Frage:
Welchen Einﬂuss haben Gene und Umwelt auf Persönlichkeit und Verhalten?
Heute gilt:
Verhalten entsteht durch Zusammenspiel von:
 biologischen Faktoren
 psychischen Faktoren
 sozialen Einﬂüssen
Der biopsychosoziale Ansatz
Menschliches Verhalten wird aus drei Perspektiven erklärt:
Ebene
Inhalte
Biologisch
Gene, Gehirn, Evolution
Psychologisch
Denken, Lernen, Emotionen
Sozial/kulturell
Familie, Gesellschaft, Kultur
→ Erst die Kombination ermöglicht ein ganzheitliches Verständnis.
Erleben und Verhalten
Verhalten
 äußerlich beobachtbar
 objektivierbar
Erleben
 innere Vorgänge
 Gefühle, Gedanken, Motivation
Bewusstsein und Unbewusstes
Psychische Vorgänge können:

bewusst

teilweise bewusst

unbewusst sein
Beispiele:
automatisches Verhalten → eher unbewusst
bewusste Problemlösung → bewusst
Methoden der Psychologie
Psychologie arbeitet empirisch mit:

Befragungen

Tests

Beobachtungen

Diagnostik
Datenauswertung:
 Statistik
 wissenschaftliche Analyse
Automatisches
verhalten
Geplante Handlung
Bewusste
Problemlösung
Implizites Wissen
Bewusst
Bedeutung der Psychologie für die Soziale Arbeit
Psychologie liefert Grundlagen für:

Fallverstehen

Diagnostik

Beratung

Interventionen
Besonders wichtig:

Tiefenpsychologie

Humanistische Psychologie

Verhaltenstheorien
Tiefenpsychologie in der Sozialen Arbeit
Bis in die 1960er Jahre dominierend:
 Erklärung psychischer und sozialer Probleme
 Grundlage professionellen Handelns
Humanistische Psychologie
Carl Rogers
 klientenzentrierte Gesprächsführung
 wertschätzende Haltung
 Empathie
 Akzeptanz
Wichtig für Soziale Arbeit, weil:

positives Menschenbild

Fokus auf Ressourcen und Entwicklung
Psychologische Zugänge in der Praxis
Grundidee
Probleme entstehen nicht nur „im Menschen“, sondern im Zusammenspiel von:
1. Individuum
2. Umwelt
3. sozialen Bedingungen
→ biopsychosoziales Denken
Praxis braucht Theorie
Professionelles Handeln basiert auf:
Wissensart
Bedeutung
Beschreibungswissen
Diagnostik, Fallverstehen
Erklärungswissen
Warum entsteht ein Problem?
Wertwissen
Berufsethik, Ziele
Veränderungswissen
Methoden und Interventionen
Der transformative Dreischritt (Staub-Bernasconi)
1. Kenntnisnahme
 Was sagt die Forschung?
2. Hypothesen bilden
 Warum zeigt die Person dieses Verhalten?
3. Handlungsleitlinien ableiten
 Welche professionelle Unterstützung ist sinnvoll?
Zentrale Erkenntnisse für die Soziale Arbeit
 Verhalten muss ganzheitlich betrachtet werden
 Psychologie liefert wichtige Erklärungsmodelle
 Professionelles Handeln braucht wissenschaftliche Grundlagen
 Theorie und Praxis beeinﬂussen sich gegenseitig
 Ziel Sozialer Arbeit: Menschen stärken und Handlungsmöglichkeiten erweitern
2. Vorlesung: Lernen
Was ist Lernen?
Deﬁnition
Lernen bezeichnet jede relativ dauerhafte Veränderung von Verhalten oder
Verhaltensmöglichkeiten durch Erfahrung
Wichtig:
Lernen kann Verhalten verbessern oder verschlechtern
Drei Ebenen des Verhaltens
Ebene
Beispiele
Physiologisch
Herzrasen, Schwitzen
Motorisch
Sprache, Mimik, Gestik
Kognitiv-emotional
Gedanken, Gefühle, Bewertungen
→ Alle Ebenen beeinﬂussen sich gegenseitig
Was ist kein Lernen?
Angeborene Reaktionen
 Instinkte
 genetisch festgelegtes Verhalten
Beispiele:
 Nachfolgeverhalten bei Graugänsen
Reifung
 biologisch gesteuerte Entwicklung
 z. B. Laufenlernen
Physiologische Zustände
 Medikamente
 Alkohol
 Erschöpfung
→ nur vorübergehende Veränderungen
Klassische Konditionierung (Pawlow)
Grundidee
Ein ursprünglich neutraler Reiz wird mit einem bedeutenden Reiz gekoppelt und löst
später dieselbe Reaktion aus.
Vertreter:
Iwan Pawlow
Ablauf der klassischen Konditionierung:
Vor der Konditionierung
 UCS (unkonditionierter Reiz) → UCR (unkonditionierte Reaktion)
Beispiel:
 Futter → Speichelﬂuss
Während der Konditionierung
 Neutraler Reiz + UCS werden gekoppelt
Beispiel:
 Glocke + Futter
Nach der Konditionierung
 CS (konditionierter Reiz) → CR (konditionierte Reaktion)
Beispiel:
 Glocke → Speichelﬂuss
Wichtige BegriƯe
BegriƯ
Bedeutung
Reizgeneralisation
ähnliche Reize lösen gleiche Reaktion aus
Extinktion
Reaktion verschwindet ohne Verstärkung
Konditionierung höherer Ordnung
gelernte Reize werden selbst zu Auslösern
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Menschen können:
 Ängste
 Spannungen
 Vermeidungsverhalten
durch Erfahrungen lernen
Beispiel:
Konﬂiktsituationen lösen automatisch Angst oder Anspannung aus
Operante Konditionierung (Skinner)
Grundidee
Verhalten wird durch seine Folgen beeinﬂusst.
Vertreter:
B. F. Skinner
Frage:
Welche Konsequenzen verstärken oder schwächen Verhalten?
Die vier Lernprinzipien
Prinzip
Wirkung
Positive Verstärkung
Verhalten nimmt zu
Negative Verstärkung
Verhalten nimmt zu
Bestrafung durch aversiven Reiz
Verhalten nimmt ab
Bestrafung durch Verstärkerentzug
Verhalten nimmt ab
Verstärkerarten
Primäre Verstärker
 Nahrung
 Sicherheit
Sekundäre Verstärker
 individuell erlernt
 Hobbys, Interessen
Soziale Verstärker
 Lob
 Aufmerksamkeit
 Anerkennung
→ besonders wichtig in der Sozialen Arbeit
Generalisierte Verstärker
 Token-Systeme
 Punkte- oder Belohnungssysteme
Verstärkungspläne
Kontinuierliche Verstärkung
 jede Reaktion wird belohnt
 schnelles Lernen
 Verhalten verschwindet aber schneller
Intermittierende Verstärkung
 nur manchmal Verstärkung
 Verhalten stabiler
Probleme von Bestrafung
Bestrafung kann:
 Angst erzeugen
 Aggression fördern
 Selbstwert schwächen
 Vermeidungsverhalten auslösen
Kontingenzvertrag
Schriftliche Vereinbarung über:
 Zielverhalten
 Belohnungen
 Konsequenzen
 Beobachtung des Verhaltens
Wichtig in:
 Sozialpädagogik
 Jugendhilfe
 Verhaltenstraining
Modelllernen (Bandura)
Grundidee
Menschen lernen durch Beobachtung anderer.
Vertreter:
Albert Bandura
Modelle können sein:
 reale Personen
 Medienﬁguren
 imaginäre Vorbilder
Fünf EƯekte des Modelllernens
EƯekt
Bedeutung
Aneignung
neues Verhalten lernen
Hemmung/Enthemmung
Verhalten wird gehemmt oder erleichtert
Reaktionserleichterung
Verhalten wird wahrscheinlicher
Emotionale Veränderung
Gefühle verändern sich
Stimulusintensivierung
Aufmerksamkeit verändert sich
Vier Voraussetzungen des Modelllernens
Voraussetzung
Bedeutung
Aufmerksamkeit
Modell wird beachtet
Behalten
Verhalten wird erinnert
Reproduktion
Verhalten kann umgesetzt werden
Motivation
Verhalten lohnt sich
Selbstwirksamkeit
Deﬁnition
Überzeugung, schwierige Situationen erfolgreich bewältigen zu können.
Hohe Selbstwirksamkeit:
 mehr Ausdauer
 mehr Motivation
 besserer Umgang mit Problemen
Niedrige Selbstwirksamkeit:
 Resignation
 Hilﬂosigkeit
Quellen der Selbstwirksamkeit
1. Eigene Erfolgserlebnisse
2. Beobachtung erfolgreicher Modelle
3. Ermutigung durch andere
4. Positiver emotionaler Zustand
Vergleich der Lernformen
Lernform
Zentrale Frage
Klassische Konditionierung
Wodurch wird Verhalten ausgelöst?
Operante Konditionierung
Welche Folgen beeinﬂussen Verhalten?
Modelllernen
Von wem lernen Menschen?
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Lernprozesse spielen eine große Rolle in:
 Beratung
 Erziehung
 Gruppenarbeit
 Betreuung
Fachkräfte beeinﬂussen Lernen durch:
 Reaktionen
 Beziehungsgestaltung
 Regeln
 Verstärkung
 Vorbildverhalten
Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit
Wichtig sind:
 verlässliche Reaktionen
 positives Verstärken kleiner Schritte
 bewusstes Vorbildverhalten
 klare und vorhersehbare Situationen
 Ressourcenorientierung
Wichtige Erkenntnis
Lernmodelle erklären Verhalten teilweise, aber nicht vollständig
Zusätzlich wichtig:
 Lebenslage
 soziale Belastungen
 Beziehungserfahrungen
 gesellschaftliche Bedingungen
→ Verhalten muss immer biopsychosozial betrachtet werden
3. Vorlesung: Entwicklungspsychologie
Was ist Entwicklungspsychologie?
Entwicklungspsychologie untersucht:
 Veränderungen im Erleben und Verhalten
 über die gesamte Lebensspanne
 von der Geburt bis zum Tod
Früher lag der Fokus vor allem auf:
 Kindheit
 Jugend
Heute zusätzlich:
 Erwachsenenalter
 Alter
 lebenslange Entwicklung
Grund:
 steigende Lebenserwartung
 demograﬁscher Wandel
Entwicklung als lebenslanger Prozess
Früheres Verständnis
Früher dachte man:
 Kindheit/Jugend = Wachstum
 Erwachsenenalter = Höhepunkt
 Alter = nur Abbau
Heutiges Verständnis
Entwicklung bedeutet:
 Gewinne und Verluste
 Veränderungen in jedem Lebensalter
 lebenslange Lern- und Anpassungsfähigkeit
Stufenmodelle der Entwicklung
Grundannahmen
Entwicklung verläuft:
 in bestimmten Stufen
 in fester Reihenfolge
 altersgebunden
Merkmale:
 frühere Stufen beeinﬂussen spätere
 erfolgreiche Bewältigung wichtig
 gelten angeblich universell
Beispiel:
 motorische Entwicklung bis zum Laufen
Kritik an Stufenmodellen
Probleme:
Kein echter Universalismus
 Menschen entwickeln sich unterschiedlich
 Kultur und Umwelt beeinﬂussen Entwicklung
Kein klarer „Idealzustand“
 Persönlichkeit entwickelt sich unterschiedlich
Verluste werden ausgeblendet
 Krisen
 psychische Probleme
 kognitiver Abbau im Alter
→ Entwicklung ist komplexer als feste Stufenmodelle
Erweiterter EntwicklungsbegriƯ
Heute gilt:
Entwicklung umfasst:
 Stabilität und Veränderung
 Fortschritte und Verluste
 individuelle Unterschiede
Neuronale Plastizität
Bedeutung
Das Gehirn bleibt lebenslang veränderbar.
Besonders sensible Phasen
Kindheit
 hohe Lernfähigkeit
 starke Umweltprägung
Jugend/Adoleszenz
 emotionale und soziale Entwicklung
 gleichzeitig erhöhte Verletzlichkeit
Erwachsenenalter und Alter
 Lernen und Veränderung weiterhin möglich
→ Gehirnentwicklung endet nicht im Erwachsenenalter
Das psychosoziale Entwicklungsmodell nach Erikson
Vertreter:
Erik Erikson
Grundidee
Entwicklung entsteht im Spannungsfeld zwischen:
 individuellen Bedürfnissen
 gesellschaftlichen Anforderungen
Zentrales Thema:
→ Entwicklung der Identität
Die acht Entwicklungsstufen nach Erikson
Lebensphase
Psychosoziale Krise
Säuglingsalter
Urvertrauen vs. Misstrauen
Frühe Kindheit
Autonomie vs. Scham/Zweifel
Mittlere Kindheit
Initiative vs. Schuldgefühl
Späte Kindheit
Werksinn vs. Minderwertigkeit
Adoleszenz
Identität vs. RollendiƯusion
Frühes Erwachsenenalter
Intimität vs. Isolation
Mittleres Erwachsenenalter
Generativität vs. Selbstabsorption
Höheres Alter
Ich-Integrität vs. Verzweiﬂung
Zentrale Phase: Identität vs. RollendiƯusion
Jugendalter
Fragen:
 Wer bin ich?
 Wer möchte ich sein?
Gelungene Entwicklung

stabiles Selbstbild

klare Identität
Misslungene Entwicklung

Unsicherheit

diƯuse Rollenbilder

instabile Identität
Bewertung von Eriksons Modell
Stärken

betrachtet die gesamte Lebensspanne

wichtig für Pädagogik und Soziale Arbeit

verbindet Individuum und Gesellschaft
Kritik

stark normativ

orientiert an westlichen männlichen Lebensläufen

soziale Unterschiede werden wenig berücksichtigt
Patchwork-Identität nach Keupp
Vertreter:
Heiner Keupp
Grundidee
Identität ist heute:

nicht fest und stabil

sondern lebenslange „Identitätsarbeit“
Menschen müssen:

verschiedene Rollen verbinden

widersprüchliche Anforderungen bewältigen

sich ständig anpassen
Erste vs. Zweite Moderne
Erste Moderne
Zweite Moderne
klare Lebenswege
ﬂexible Lebensentwürfe
stabile Rollen
wechselnde Rollen
feste Orientierung
Individualisierung
→ Identität wird zum „Patchwork“
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Entwicklungspsychologie liefert:

Wissen über Lebensphasen

Entwicklungsaufgaben

Entwicklungsnormen

Schutzbedürfnisse von Kindern/Jugendlichen
Sozialrechtliche Bedeutung
Entwicklungspsychologie beeinﬂusst:

Kinder- und Jugendhilfe

Altersgrenzen

Strafmündigkeit

Geschäftsfähigkeit

Schutzrechte von Kindern
Entwicklungspsychologie und Soziale Arbeit
Aufgabe der Sozialen Arbeit
Psychologisches Wissen:
 nutzen
 kritisch reﬂektieren
 mit sozialen Bedingungen verbinden
Wichtig:
 Armut,
 soziale Ungleichheit,
 gesellschaftliche Bedingungen,
 Diskriminierung
dürfen nicht ausgeblendet werden
Zentrale Erkenntnisse
 Entwicklung dauert lebenslang an.
 Menschen entwickeln sich unterschiedlich.
 Entwicklung umfasst Fortschritte und Krisen.
 Identität ist heute oft ﬂexibel und wandelbar.
 Soziale Arbeit muss individuelle und gesellschaftliche Faktoren gemeinsam betrachten.
4. Vorlesung: Bindung
Bindung als psychosoziales Grundbedürfnis
Bindung, Beziehungen und soziale Einbettung sind grundlegend für:
 emotionale Entwicklung
 soziale Kompetenz
 psychische Stabilität
 Gesundheit
Für die Soziale Arbeit bedeutet das:
→ Die Qualität der Beziehung beeinﬂusst jede Intervention
Wichtig:
Nicht nur psychische, sondern psychosoziale Grundbedürfnisse stehen im Mittelpunkt
Bindungstheorie nach Bowlby
Vertreter:
John Bowlby
Grundidee
Menschen besitzen ein angeborenes Bedürfnis nach:
 Nähe
 Sicherheit
 Schutz durch Bezugspersonen
Bindung dient evolutionär dem Überleben
Bindung und Exploration
Sichere Bindung
Wenn sich ein Kind sicher fühlt:
 kann es neugierig die Umwelt erkunden
 entwickelt soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten
Unsichere Bindung
Fehlende Sicherheit kann:
 Entwicklung hemmen
 Angst und Rückzug fördern
Feinfühligkeit als Schlüssel
Vertreterin:
Mary Ainsworth
Feinfühlige Bezugspersonen:
 nehmen Signale wahr
 interpretieren sie richtig
 reagieren schnell und angemessen
→ Dadurch entsteht sichere Bindung
Bindungstypen
1. Sichere Bindung
Merkmale:
 sucht bei Belastung Nähe
 lässt sich beruhigen
 exploriert danach weiter
Ursache:
 verlässliche, feinfühlige Bezugspersonen
2. Unsicher-vermeidende Bindung
Merkmale:
 zeigt Nähebedürfnis kaum
 wirkt distanziert
 zieht sich eher zurück
Mögliche Ursache:
 emotional wenig verfügbare Bezugspersonen
3. Unsicher-ambivalente Bindung
Merkmale:
 sucht Nähe
 wirkt gleichzeitig unsicher oder wütend
 schwer beruhigbar
Mögliche Ursache:
 unvorhersehbare Reaktionen der Bezugsperson
4. Desorganisierte Bindung
Merkmale:
 widersprüchliches Verhalten
 Erstarren
 Orientierungslosigkeit
 chaotische Reaktionen
Besonders relevant für die Soziale Arbeit
Wichtiger Hinweis
Bindungstypen sind:
 theoretische Einordnungen
 keine festen Etiketten
Wichtig:
 keine vorschnellen Diagnosen
 Einzelbeobachtungen reichen nicht aus
 Kontext muss berücksichtigt werden
Internale Arbeitsmodelle
Frühe Beziehungserfahrungen führen zu:
 inneren Vorstellungen über sich selbst
 Erwartungen an andere Menschen
Diese „internalen Arbeitsmodelle“ prägen:
 Beziehungen
 Vertrauen
 Selbstbild
Bindungsrepräsentationen im Erwachsenenalter
Sicher-autonom
 kohärente Sicht auf Beziehungen
 oƯene Verarbeitung von Erfahrungen
Unsicher-distanziert
 emotionale Distanz
 Beziehungen werden heruntergespielt
Präokkupiert
 starke emotionale Verstrickung
 wenig Abgrenzung
Wichtig:
Frühe Bindung ist nicht unveränderbar
Desorganisierte Bindung
Double-Bind-Situation
Das Kind erlebt:
 Bezugsperson als Schutz
und gleichzeitig
 Bezugsperson als Bedrohung
→ unlösbarer innerer Konﬂikt
Mögliche Folgen:
 Angst
 Desorientierung
 schwere Beziehungsprobleme
Von unsicherer Bindung zur Bindungsstörung
Unsichere Bindung
= Bewältigungsstrategie
keine Krankheit
Bindungsstörung
Entsteht bei:
 starken traumatischen Erfahrungen
 massiver Desorganisation
Mögliche Folgen:
 psychische Erkrankungen
 Probleme in Beziehungen
 Veränderungen in Gehirn und Stresssystem
Transgenerationale Weitergabe
Nicht verarbeitete Bindungserfahrungen der Eltern können die Bindungsentwicklung der
Kinder beeinﬂussen
Aber:
→ Bindungsmuster sind veränderbar
Neue positive Beziehungserfahrungen können:
 Entwicklung fördern
 Sicherheit ermöglichen
 destruktive Muster unterbrechen
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Bindungstheorie ist wichtig bei:
 Beziehungsgestaltung
 Krisen
 Übergängen
 Traumata
 Kinderschutz
 stationären Hilfen
Professionelle Beziehungsarbeit
Wichtige Merkmale:
 Verlässlichkeit
 Transparenz
 Authentizität
 Feinfühligkeit
 Berechenbarkeit
Professionelle Nähe bedeutet:
 unterstützend
 aber reﬂektiert und professionell
„Schützende Inselexperienzen“
Durch positive Beziehungserfahrungen können entstehen:
 Sicherheit
 Vertrauen
 neue Handlungsmöglichkeiten
 Identitätsentwicklung
Bindung und Netzwerke
Bindungstheorie allein reicht nicht aus.
Zusätzlich wichtig:
 soziale Netzwerke
 Unterstützungssysteme
 gesellschaftliche Bedingungen
Formen sozialer Netzwerke
Netzwerk
Beispiele
Primär
Familie, Wohngemeinschaft
Sekundär
Freunde, Schule, Vereine
Tertiär
Institutionen, Hilfesysteme
Soziale Unterstützung
Soziale Unterstützung wirkt wie ein „soziales Immunsystem“
Sie schützt vor:
 Stress
 Isolation
 psychischer Belastung
Aber:
Marginalisierte Menschen verfügen oft über weniger soziale Ressourcen
Netzwerkarbeit in der Sozialen Arbeit
Ziele
Netzwerke stärken
 Kontakte aktivieren
 Beziehungen stabilisieren
Neue Netzwerke schaƯen
 soziale Integration fördern
Formelle und informelle Hilfe verbinden
 Familie + Institutionen verknüpfen
Bindung, Milieu und professionelle Haltung
Professionelle Arbeit braucht:
 feinfühlige Resonanz
 entwicklungssensible Nähe
 sichere Beziehungen
 stabile soziale Räume
Dadurch werden:
 Exploration,
 Selbstentwicklung,
 Identitätsbildung,
möglich.
Grenzen bindungstheoretischer Deutungen
Bindungstheorie erklärt nicht alles.
Zusätzlich berücksichtigt werden müssen:
 Armut
 Trauma
 Flucht
 institutionelle Bedingungen
 soziale Ungleichheit
 familiäre Belastungen
 gesellschaftliche Faktoren
Zentrale Erkenntnisse
 Bindung ist ein grundlegendes psychosoziales Bedürfnis.
 Sichere Beziehungen fördern Entwicklung und Resilienz.
 Unsichere Bindung ist keine Krankheit, sondern oft Anpassung an schwierige
Bedingungen.
 Desorganisierte Bindung ist besonders relevant für die Soziale Arbeit.
 Professionelle Beziehungen können korrigierende Erfahrungen ermöglichen.
 Bindungstheorie muss immer mit sozialen und gesellschaftlichen Faktoren
verbunden werden.
5. Vorlesung: Emotionen
Emotion und Gefühl nach Ulich
Gefühl als subjektives Erleben
 Gefühle beschreiben die leib-seelische Zuständlichkeit einer Person.
Merkmale des Gefühlserlebens
1. SelbstbetroƯenheit
Emotionen entstehen nur, wenn eine Situation persönlich bedeutsam ist
2. Passivität und Unwillkürlichkeit
Gefühle werden als spontan und kaum kontrollierbar erlebt
3. Wertbindung
Emotionen zeigen, was einer Person wichtig ist
4. Soziale Genese
Gefühle entwickeln sich in sozialen Beziehungen und durch Sozialisation
5. Erleben als Selbstzweck
Gefühle haben nicht nur eine Funktion, sondern sind zunächst einfach subjektives
Erleben
Struktur von Emotionen
Zwei grundlegende Dimensionen
Emotionen lassen sich beschreiben anhand von:
Valenz
 angenehm (positive Valenz)
 unangenehm (negative Valenz)
Aktivierung
 hoch aktiviert
 niedrig aktiviert
Beispiele:

Panisch = negative Valenz, hohe Aktivierung

Gelassen = positive Valenz, niedrige Aktivierung

Wütend = negative Valenz, hohe Aktivierung

Traurig = negative Valenz, niedrige Aktivierung
Gefühlskategorien
Relativ stabile Emotionen:

Angst

Ärger

Traurigkeit

Freude

Zuneigung

Überraschung
Wundts dreidimensionale Gefühlstheorie
Wilhelm Wundt beschrieb Emotionen durch drei Dimensionen:
1. Lust – Unlust
2. Erregung – Beruhigung
3. Spannung – Lösung
Jedes Gefühl kann als Kombination dieser drei Dimensionen verstanden werden
Vier Komponenten von Emotionen
Nach Boeger und Lüdmann bestehen Emotionen aus vier miteinander verbundenen
Komponenten:
Gefühl
 Subjektives Erleben (z. B. Angst)
Kognition
 Gedanken und Bewertungen („Der Hund ist gefährlich“)
Körper
 Physiologische Reaktionen (Herzklopfen, Schwitzen)
Intention / Verhalten
 Handlungsimpulse (Flucht, Annäherung)
Beispiel Ben und Hundeangst
 Gefühl: Angst
 Kognition: „Hunde sind gefährlich“
 Körper: Schwitzen, schneller Puls
 Verhalten: Ausweichen
Emotionsregulation
Emotionsregulation bedeutet, Gefühle angemessen wahrzunehmen, zu beeinﬂussen
und den Ausdruck sozial anzupassen
Einﬂussfaktoren:
Physiologische Reaktivität
Individuelle Stressanfälligkeit
Regulationsstrategien
 Selbstberuhigung
 Ablenkung
 Kognitive Umbewertung
 Konfrontation
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Emotionsregulation ist entscheidend für:
 Konﬂiktbewältigung
 Beziehungsarbeit
 Krisenintervention
 Selbstfürsorge
Emotionsarbeit im Beruf
Arlie Russell Hochschild prägte den BegriƯ Emotionsarbeit.
Deﬁnition
Beruﬂich geforderte Darstellung bestimmter Gefühle, auch wenn diese nicht tatsächlich
empfunden werden
Beispiel
Eine Fachkraft bleibt freundlich, obwohl sie innerlich verärgert ist
Chancen
 Professionelle Beziehungsgestaltung
 Anerkennung
 Vertrauensaufbau
Risiken
 Emotionale Dissonanz
 Erschöpfung
 Burnout
Emotionsverständnis und Empathie
Emotionsverständnis ist die Fähigkeit,
 eigene und fremde Gefühle zu erkennen,
 deren Bedeutung zu verstehen,
 angemessen darauf zu reagieren
Empathie und Perspektivenübernahme sind zentrale professionelle Kompetenzen.
Wichtige Signale:
 Mimik
 Tonfall
 Körperhaltung
 Blickkontakt
Sozial-emotionale Kompetenz
Früh entwickelte emotionale Fähigkeiten beeinﬂussen:
 Sozialverhalten
 Schulleistung
 psychische Gesundheit
 Beziehungsfähigkeit
Deﬁzite in Emotionsverständnis und Regulation stehen häuﬁg mit:
 Aggression
 Mobbing
 VerhaltensauƯälligkeiten
in Zusammenhang
Angst
BegriƯsunterscheidung
Angst (State)
 Aktueller Angstzustand
Ängstlichkeit (Trait)
 Dauerhafte Persönlichkeitseigenschaft
Furcht
 Auf konkrete Bedrohung gerichtet
Angst auf vier Ebenen
 Gefühl: Hilﬂosigkeit
 Kognition: Katastrophengedanken
 Körper: Schwitzen, Herzrasen
 Verhalten: Flucht
Umgang mit Angst
 Kognitive Umstrukturierung
 Konfrontation
 Entspannung
 Verhaltensübungen
Ärger und Wut
Deﬁnition
 Ärger: Unzufriedenheit mit verantwortlichem Gegenüber
 Wut: besonders intensiver Ärger
Physiologie
Aktivierung des Sympathikus:
 Herzfrequenz steigt
 Muskelanspannung steigt
Katharsis-Mythos
Aggression „rauslassen“ reduziert Wut nicht, sondern verstärkt sie häuﬁg
Konstruktiver Umgang
 Zeit gewinnen
 Beruhigung
 Kontrollierter Ausdruck
 Neubewertung
Schuld und Scham
Schuld
 Bezug auf konkretes Verhalten
 Führt zu Reue und Wiedergutmachung
Scham
 Bezug auf die ganze Person
 Führt zu Rückzug und Selbstabwertung
Pädagogische Konsequenz
 Kritik sollte sich auf das Verhalten beziehen, nicht auf die Person
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Emotionspsychologie hilft:
 Verhalten besser zu verstehen
 Krisen zu deuten
 Beziehungen professionell zu gestalten
 Selbstfürsorge zu fördern
 Rückmeldungen angemessen zu formulieren
Professionelle Leitlinien
 Emotionen ernst nehmen
 Verhalten und Person trennen
 Regulierung unterstützen
 Eigene Gefühle reﬂektieren
 Empathisch und zugleich professionell handeln
6. Vorlesung: Motivation und Bedürfnis
Grundverständnis
Motivation ist ein innerer Zustand, der Verhalten:
 aktiviert,
 in eine bestimmte Richtung lenkt,
 und aufrechterhält.
Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von:
 überdauernden Eigenschaften (z. B. Leistungsmotiv, Prüfungsangst),
 situativen Bedingungen (z. B. Anreize, Erfolgserwartung, soziale
Unterstützung)
Bedeutung für die Soziale Arbeit
 Verhalten wirkt oft nicht „unmotiviert“, sondern ist Ausdruck unerfüllter
Bedürfnisse, negativer Erfahrungen oder fehlender Erfolgserwartungen
Intrinsische und extrinsische Motivation
Intrinsische Motivation
Eine Tätigkeit wird ausgeführt, weil sie selbst interessant oder befriedigend ist
Beispiele:
 Lernen aus Neugier
 Helfen aus Überzeugung
Extrinsische Motivation
Eine Tätigkeit wird ausgeführt, um Belohnungen zu erhalten oder negative
Konsequenzen zu vermeiden
Beispiele:
 Lernen für eine gute Note
 Teilnahme an Maßnahmen zur Vermeidung von Sanktionen
Flow-Erleben (Mihaly Csikszentmihalyi)
Bei hoher intrinsischer Motivation kann ein Flow-Zustand entstehen:
 völlige Konzentration,
 Selbstvergessenheit,
 Gefühl von Kontrolle,
 Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein
Lernziel- und Leistungszielorientierung
Lernzielorientierung
Ziel ist Kompetenzentwicklung und Verstehen.
 Herausforderungen werden gesucht.
 Fehler gelten als Lernchancen.
Leistungszielorientierung
Ziel ist Anerkennung und positive Bewertung.

Fokus auf Außenwirkung.
Vermeidungsorientierung
Situationen werden gemieden, um Misserfolg oder Bloßstellung zu verhindern.
Konsequenz für die Praxis
Rückmeldungen sollten:
 an individuellen Fortschritten anknüpfen,
 nicht primär mit anderen vergleichen.
Abraham Maslows Bedürfnishierarchie
Wachstumsbedürfnisse
1. Transzendenz
2. Selbstverwirklichung
3. Kognitive und
ästhetische
Bedürfnisse
Mangelbedürfnisse
4. Soziale Bedürfnisse
5. Sicherheitsbedürfnisse
6. Physische
Grundbedürfnisse
Grundidee
Höhere Bedürfnisse werden besonders relevant, wenn grundlegende Bedürfnisse
ausreichend erfüllt sind
Kritik
Menschliche Bedürfnisse verlaufen nicht immer streng hierarchisch
Ilse Arlt und die Fürsorgetheorie
Leitidee
Nicht nur Leid lindern, sondern Bedingungen für menschliches Gedeihen schaƯen
Beispiele ihrer Bedürfnisklassen

Ernährung

Wohnung

Kleidung

Erziehung

Rechtsschutz

Familienleben

Ärztliche Hilfe

Wirtschaftliche Tüchtigkeit
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Probleme werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Folge unzureichender
Bedürfnisbefriedigung
Selbstbestimmungstheorie (Edward L. Deci & Richard Ryan)
Drei psychologische
Grundbedürfnisse:
Autonomie
Das Gefühl, selbstbestimmt
zu handeln.
Kompetenz
Das Gefühl, wirksam und
fähig zu sein.
Soziale Eingebundenheit
Das Gefühl, angenommen
und verbunden zu sein.
Folgen von Frustration
Langfristige Frustration kann zu:
 Motivationsverlust,
 Ersatzbefriedigungen,
 selbstschädigendem Verhalten
führen.
Praktische Konsequenzen
Fachkräfte sollten:
 Entscheidungen erklären,
 Adressat*innen beteiligen,
 Eigenständigkeit fördern.
Zielsetzung als Motivationsgrundlage
Ziele fördern:
 Aufmerksamkeit,
 Ausdauer,
 Energie,
 Kompetenzentwicklung.
Gute Ziele sind
 konkret,
 realistisch,
 mittelschwer,
 in Teilziele unterteilt.
Beispiel
Statt „Ich will mein Leben ändern“:
 „Einen Monat drogenfrei bleiben.“
 „Meine Wohnung selbstständig aufräumen.“
Psychische Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe
1. Orientierung und Kontrolle
Das Bedürfnis, Situationen zu verstehen und beeinﬂussen zu
können.
2. Lustgewinn und Unlustvermeidung
Angenehme Zustände anstreben, unangenehme vermeiden.
3. Selbsterhöhung und Selbstwertschutz
Das Bedürfnis, sich als wertvoll und kompetent zu erleben.
4. Bindung
Das Bedürfnis nach stabilen emotionalen Beziehungen.
Bedeutung
Werden diese Bedürfnisse verletzt, steigt das Risiko psychischer Probleme.
Kindesmisshandlung als systematische Bedürfnisverletzung
Formen
 Physische Misshandlung
 Psychische Misshandlung
 Sexuelle Gewalt
 Vernachlässigung
Folgen
Posttraumatic Stress Disorder, Depression, Angst, Bindungsstörungen, Sucht,
Suizidalität
Dosis-Wirkungs-Zusammenhang
Je länger und schwerer die Misshandlung, desto gravierender die Folgen
Risikofaktoren für Kindesmisshandlung
Elternbezogene Risiken
 junges Alter,
 ﬁnanzielle Belastung,
 soziale Isolation,
 psychische Erkrankungen,
 Sucht,
 unrealistische Erwartungen,
 eigene Gewalterfahrungen.
Aufgaben der Sozialen Arbeit
Risikoreduktion

soziale Netzwerke stärken,

Erziehungskompetenz fördern,

psychotherapeutische Unterstützung vermitteln.
Wirkfaktoren

tragfähige Arbeitsbeziehung,

Änderungsmotivation,

individuelle Anpassung.
Prävention

frühe Erkennung,

aufsuchende Hilfen,

regelmäßige Überprüfung.
Fachkräfte im Spannungsfeld
Sozialarbeiter*innen müssen:
 Risiken erkennen,
 Beziehungen aufbauen,
 Grenzen professioneller Hilfe akzeptieren.
Nicht alle Familien können dauerhaft erreicht werden.
Zentrale Erkenntnisse für die Soziale Arbeit
Motivation ist eng mit Bedürfnisbefriedigung
verbunden. Verhalten, das als:
 unkooperativ,
 widerständig,
 aggressiv,
 passiv
erscheint, kann Ausdruck verletzter Grundbedürfnisse sein.
Professionelles Handeln bedeutet daher:
 nicht vorschnell „fehlende Motivation“ zu unterstellen,
 Bedürfnisse und Lebensbedingungen zu analysieren,
 Autonomie, Kompetenz, Bindung und Selbstwert gezielt zu stärken.
Vorlesung 7: Psychische Probleme
Was ist ein psychisches Problem?
Ein psychisches Problem ist ein belastender Zustand, der sich im:
 Denken (z. B. Grübeln, verzerrte Gedanken),
 Erleben (z. B. Angst, Traurigkeit),
 Handeln (z. B. Rückzug, Impulsivität)
zeigt und zu Leidensdruck oder Einschränkungen im Alltag führt.
Wichtige BegriƯe unterscheiden
 Psychisches Problem: Allgemeiner OberbegriƯ; keine Diagnose notwendig.
 Psychische Krise: Akute Überforderung, bisherige Bewältigungsstrategien
reichen nicht mehr aus.
 Psychische Störung: Diagnostisch deﬁnierte, klinisch bedeutsame und
andauernde Beeinträchtigung.
 Psychische Erkrankung: Prozesshafter BegriƯ, betont, dass Menschen nicht
mit ihrer Diagnose gleichgesetzt werden.
Gemeinsamkeiten psychischer Probleme
Unabhängig von der genauen Bezeichnung treten meist zwei Merkmale auf:
 Leidensdruck
 Normabweichung
Dabei können Veränderungen in Denken, Fühlen und Verhalten beobachtet werden
Was ist „normal“? – Normen der Abweichung

Subjektive Norm
Etwas fühlt sich für die Person selbst anders an als sonst.

Soziale Norm
Verhalten weicht von gesellschaftlichen Erwartungen ab.

Statistische Norm
Verhalten ist im Vergleich zur Mehrheit ungewöhnlich.

Funktionsnorm
Biologische oder psychologische Funktionen weichen von typischen Mustern ab.
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Normen sind kulturell und historisch geprägt. Fachkräfte müssen eigene Vorstellungen von
„Normalität“ kritisch reﬂektieren.
Weitere Kriterien normabweichenden Verhaltens
Nach Ronald C. Kessler nahen klinischen Ansätzen und Lehrbüchern werden häuﬁg
betrachtet:
 Maladaptivität (unangepasstes Verhalten)
 Devianz (Regelverletzung)
 Irrationalität
 Unvorhersagbarkeit
 Soziales Unbehagen
Normabweichung allein bedeutet jedoch noch keine psychische Störung
Leiden als zentrales Kriterium
Leidensdruck ist ein Schlüsselkriterium psychischer Probleme.
Leiden zeigt sich:
 im Denken (z. B. Grübeln),
 im Erleben (z. B. Kummer),
 im Verhalten (z. B. Rückzug).
Wichtig
Manchmal leidet vor allem das Umfeld, während BetroƯene selbst keine
Krankheitseinsicht haben
Psychische Störung (DSM-5 / ICD)
Eine psychische Störung ist:
 klinisch bedeutsam,
 Ausdruck einer psychischen, biologischen oder entwicklungsbezogenen
Dysfunktion,
 über einen gewissen Zeitraum anhaltend,
 mit erheblichem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen verbunden.
Wichtig

Normabweichung ≠ psychische Störung

Symptome ≠ Diagnose

Kulturell verständliche Reaktionen (z. B. Trauer) sind nicht automatisch
Störungen.
Sensible Sprache und Stigmatisierung
Diagnosen können hilfreich sein, aber auch zu Stigmatisierung führen
Professioneller Sprachgebrauch
Nicht:
 „die Borderlinerin“
 „der Schizophrene“
Sondern:
 „eine Person mit einer Borderline Personality Disorder“
 „ein Mensch mit einer Schizophrenia“
Grundprinzip
Die Person steht im Vordergrund, nicht die Diagnose
Psychische Probleme ohne Diagnose
Menschen können starke Belastungen haben, ohne die Kriterien einer Störung zu
erfüllen.
Beispiele:
 Burnout
 Suizidale Krisen
 Aggressives Verhalten
Diese Zustände können dennoch erheblichen Leidensdruck und soziale Folgen
verursachen.
Psychische Krise
Eine psychische Krise ist ein Zustand intensiver Überforderung, in dem bisherige
Bewältigungsstrategien versagen
Merkmale
 starke emotionale Belastung,
 Gefühl der Ausweglosigkeit,
 Infragestellung bisheriger Lebensziele.
Krisen sind:
 normale Lebenserfahrungen,
 potenzielle Wachstumschancen,
 mögliche Auslöser psychischer Störungen.
Wechselwirkungen zwischen Problemen, Krisen und Störungen
Psychische und soziale Belastungen beeinﬂussen sich gegenseitig:
 Soziale Probleme können Krisen auslösen.
 Krisen können psychische Störungen begünstigen.
 Psychische Störungen können soziale Probleme verstärken.
Beispiel
Schulden → Krise → Depression → Arbeitslosigkeit → weitere Schulden
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Soziale Arbeit begegnet psychischen Problemen in vielen Feldern:
 Sozialpsychiatrie
 Betreutes Wohnen
 Familienhilfe
 Wohnungslosenhilfe
 StraƯälligenhilfe
 Schuldnerberatung
Aufgaben der Sozialen Arbeit
 soziale Problemlagen bearbeiten,
 Ressourcen stärken,
 Krisen begleiten,
 interprofessionell mit Psychologie und Psychiatrie zusammenarbeiten.
Interprofessionalität
Psychische und soziale Probleme sind eng miteinander verwoben.
Soziale Arbeit bearbeitet vor allem:
 Schulden,
 Wohnprobleme,
 Isolation,
 beruﬂiche Perspektiven,
 familiäre Belastungen.
Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen erfolgen durch:
 Clinical Psychology,
 Psychiatry,
 Psychotherapie.
Kernbotschaften
 Sensibler Sprachgebrauch
Problem, Krise, Störung und Erkrankung sind nicht synonym.
 Normen sind relativ
Abweichung hängt von subjektiven, sozialen, statistischen und biologischen
Perspektiven ab.
 Leiden ist zentral
Eigenes oder fremdes Leid ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal.
 Normabweichung allein reicht nicht
Erst Dauer, Dysfunktion und Beeinträchtigung machen eine psychische Störung
aus.
 Interprofessionelle Zusammenarbeit ist unverzichtbar
Psychische und soziale Probleme können nur gemeinsam wirksam bearbeitet
werden.
8. Vorlesungen: Psychologische Grundorientierungen
Psychoanalytische Grundorientierung – Überblick
1. Grundidee der Psychoanalyse
Begründer: Sigmund Freud
Zentrale Annahme:
 Menschen handeln nicht nur bewusst.
 Viele Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen werden
durch unbewusste Prozesse beeinﬂusst.
 Aktuelle Probleme haben häuﬁg einen Bezug zu früheren
Erfahrungen und Beziehungserlebnissen.
Psychoanalyse ist zugleich:
 Theorie menschlichen Erlebens
 Forschungsmethode
 Behandlungsmethode
2. Menschenbild der Psychoanalyse
Die psychoanalytische Orientierung ist überwiegend endogenistisch.
Der Mensch wird verstanden als:
 durch innere Konﬂikte geprägt
 von frühen Kindheitserfahrungen beeinﬂusst
 teilweise unbewusst gesteuert
 grundsätzlich entwicklungs- und veränderungsfähig
Für die Soziale Arbeit bedeutet das:
膆
 Verhalten wird nicht vorschnell bewertet, sondern verstanden.
Frage:
„Welcher innere Konﬂikt könnte hinter diesem Verhalten stehen?“
3. Freuds Triebtheorie
Freud ging davon aus, dass menschliches Verhalten durch psychische Energien
angetrieben wird.
Eros (Lebenstrieb)
 Liebe
 Bindung
 Sexualität
 Selbsterhaltung
Thanatos (Todes-/Destruktionstrieb)
 Aggression
 Zerstörung
 Selbstschädigung
Zwischen beiden Kräften entstehen Spannungen und Konﬂikte.
4. Psychosexuelle Entwicklungsphasen
Freud nahm an, dass sich die Persönlichkeit in verschiedenen Entwicklungsphasen
bildet.
Phase
Alter
Schwerpunkt
Oral
1. Lebensjahr
Mund, Saugen
Anal
2.–3. Jahr
Kontrolle, Ausscheidung
Phallisch
ca. 3.–6. Jahr
Geschlechtsidentität
Latenz
Kindheit
relative Ruhe
Genital
Pubertät
reife Sexualität
Fixierung
Werden Konﬂikte nicht ausreichend gelöst, kann eine Fixierung entstehen.
Beispiele:
 oral → starke Abhängigkeit
 anal → übermäßige Ordnung, Starrheit
 genital → impulsives Verhalten
5. Instanzenmodell der Persönlichkeit
Freuds bekanntestes Modell:
      Über-Ich
Verinnerlichte Normen und Werte - das Gewissen
          ↑
          │
          ↓
         Ich
            Vermittlungsinstanz zwischen Es und Über-Ich; erhält den Realitätsbezug aufrecht
          ↑
          │
          ↓
          Es
Ursprüngliche Triebe und basale Bedürfnisse
Beispiel
Herr K. möchte nicht zum Jobcenter gehen.
Es:
„Ich will meine Ruhe.“
Über-Ich:
„Du musst Verantwortung übernehmen!“
Ich:
versucht einen Kompromiss zu ﬁnden.
6. Abwehrmechanismen
Weiterentwickelt von Anna Freud
Sie schützen vor Angst und inneren Konﬂikten.
Verdrängung
Belastende Inhalte werden unbewusst ausgeschlossen.
Beispiel:
Traumatische Erinnerung wird vergessen.
Regression
Rückfall auf frühere Entwicklungsformen.
Beispiel:
Ein Erwachsener reagiert trotzig wie ein Kind.
Projektion
Eigene Gefühle werden anderen zugeschrieben.
Beispiel:
„Alle sind gegen mich.“
Sublimierung
Triebenergie wird gesellschaftlich akzeptiert ausgelebt.
Beispiel:
Aggression → Leistungssport.
7. Neurosen
Neurosen entstehen nach Freud durch:
 innere Konﬂikte
 ungelöste Entwicklungsaufgaben
 Konﬂikte zwischen Es, Ich und Über-Ich
Wichtig:
膆
 Symptome werden als Selbstheilungsversuch verstanden.
Sie sollen psychisches Gleichgewicht herstellen
8. Psychoanalytische Behandlung
Ziel:
Unbewusste Konﬂikte bewusst machen.
Ablauf:
1. Unbewusstes aufdecken
2. Konﬂikte verstehen
3. Konﬂikte durcharbeiten
4. Veränderung ermöglichen
Methode:
 freie Assoziation
 unbewusstes aufdecken
 Deutung und Durcharbeitung
 Veränderung
9. Übertragung und Gegenübertragung
Besonders wichtig für die Soziale Arbeit
Übertragung
Klient*innen übertragen Gefühle aus früheren Beziehungen auf Fachkräfte.
Beispiel:
Herr K. sagt:
„Sie sind genauso wie alle anderen!“
Möglicherweise wurden frühere Autoritätspersonen als kontrollierend erlebt.
Gegenübertragung
Gefühle der Fachkraft gegenüber dem Klienten.
Beispiel:
Die Sozialarbeiterin denkt:
„Er sabotiert alles selbst.“
Diese Reaktion liefert Hinweise auf die Beziehungsdynamik.
10. Relationale Wende
Moderne Psychoanalyse betont stärker:
 Beziehung
 Bindung
 aktuelle Interaktion
Wichtige Vertreter:
 Alfred Adler
 Heinz Kohut
 Peter Fonagy
Heute steht weniger die Konfrontation, sondern mehr die tragfähige Beziehung im
Vordergrund.
11. Bedeutung für die Soziale Arbeit
Zentrale Konzepte:
Szenisches Verstehen
Nicht nur auf das Gesagte achten, sondern auf:
 Gefühle
 Beziehungsmuster
 Körpersprache
 Dynamiken
Mentalisierung
Frage:
„Was könnte im Inneren der Person vorgehen?“
Ziel:  Gedanken, Gefühle und Motive besser verstehen.
Beziehungsarbeit
Die Beziehung selbst wird zum wichtigsten Arbeitsinstrument.
Professionelle Haltung:
 verstehend
 reﬂektiert
 wertschätzend
 nicht vorschnell bewertend
Fallbeispiel Herr K. (mögliche Analyse)
Übertragung
„Sie wollen mich kontrollieren.“
→ frühere Erfahrungen mit enttäuschenden oder kontrollierenden Bezugspersonen.
Gegenübertragung
Sozialarbeiterin fühlt:

Ärger

Fürsorge

Hilﬂosigkeit
Diese Gefühle sollten reﬂektiert werden.
Professionelle Antwort
„Ich habe den Eindruck, dass die Planung der nächsten Schritte bei Ihnen auch Sorgen
oder schlechte Erfahrungen auslöst. Mir ist wichtig, gemeinsam herauszuﬁnden, was es
gerade schwierig macht und wie wir einen Weg ﬁnden können, der für Sie passend ist.“
Klausur-Merksätze
膆
 Freud = Begründer der Psychoanalyse
膆
 Verhalten wird durch bewusste und unbewusste Prozesse beeinﬂusst
膆
 Instanzenmodell: Es – Ich – Über-Ich
膆
 Abwehrmechanismen schützen vor Angst
膆
 Übertragung = Gefühle aus früheren Beziehungen werden auf Fachkräfte übertragen
膆
 Gegenübertragung = Reaktionen der Fachkraft auf den Klienten
膆
 Moderne Psychoanalyse betont Beziehung, Bindung und Mentalisierung
膆
 Für die Soziale Arbeit sind Beziehungsgestaltung und szenisches Verstehen
besonders bedeutsam.
Humanistische Grundorientierung
Grundidee
Die humanistische Psychologie entstand als „dritte Kraft“ neben
Psychoanalyse und Behaviorismus. Sie betrachtet den Menschen als:
 entwicklungsfähig
 selbstbestimmt
 reﬂexionsfähig
 sozial eingebunden
 grundsätzlich auf Wachstum und Entfaltung ausgerichtet
Wichtige Vertreter sind Carl Rogers, Abraham Maslow und Charlotte Bühler.
Menschenbild
Aktualisierungstendenz
Nach Rogers besitzt jeder Mensch eine angeborene Tendenz, seine Fähigkeiten zu
entfalten und sich weiterzuentwickeln.
Voraussetzung:
 günstige Umweltbedingungen
 sichere Beziehungen
 Anerkennung und Wertschätzung
Zentrale Unterschiede zur Psychoanalyse
Psychoanalyse
Humanistische Orientierung
Fokus auf unbewusste Konﬂikte
Fokus auf aktuelle Erfahrungen
Therapeut deutet
Klient deutet sich selbst
Vergangenheit zentral
Gegenwart und Entwicklung zentral
Übertragung wichtig
Reale Beziehung wichtig
Der Mensch wird nicht primär als durch Triebe oder Deﬁzite bestimmt verstanden,
sondern als aktiver Gestalter seines Lebens
Inkongruenz
Psychische Probleme entstehen nach Rogers häuﬁg durch eine Inkongruenz zwischen:
 dem tatsächlichen Erleben
 dem Selbstbild einer Person
Beispiel:
„Ich muss immer stark sein.“
Gleichzeitig erlebt die Person Angst oder Überforderung.
Diese Erfahrungen werden dann verdrängt, verleugnet oder verzerrt.
Die drei Basisvariablen nach Rogers
1. Empathie
Die Fachkraft versucht, die Welt aus der Perspektive der Klientin bzw. des Klienten zu
verstehen.
Frage:
„Wie erlebt die Person ihre Situation?“
2. Bedingungslose Wertschätzung
Die Person wird angenommen und respektiert, unabhängig von Fehlern oder
problematischem Verhalten.
Wichtig:

Verhalten kann kritisch betrachtet werden.

Die Person bleibt wertvoll.
3. Kongruenz (Authentizität)
Die Fachkraft ist echt und transparent.
Sie versteckt sich nicht hinter einer Rolle, sondern begegnet der Person als
authentisches Gegenüber.
Die Beziehung als Intervention
Eine der wichtigsten Aussagen der humanistischen Orientierung:
Die Beziehung selbst wirkt heilend.
Anders als in anderen Ansätzen steht nicht die Methode im Vordergrund, sondern die
Qualität der Begegnung.
Eine professionelle Beziehung bietet:
 Sicherheit
 Anerkennung
 Verständnis
 Entwicklungsmöglichkeiten
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Die Fachkraft:
 begegnet Adressat*innen auf Augenhöhe
 vermeidet vorschnelle Diagnosen und Bewertungen
 unterstützt Selbstbestimmung
 fördert Selbstexploration
 schaƯt einen sicheren Beziehungsrahmen
Dadurch können Menschen eigene Lösungen entwickeln und neue Sichtweisen auf sich
selbst gewinnen.
Beispiel: Jenny (17 Jahre)
Aussage:
„Am Ende wird doch sowieso wieder entschieden, was mit mir passiert.“
Personzentrierte Reaktion
Statt: „Das stimmt doch gar nicht.“
eher: „Es klingt so, als hätten Sie oft erlebt, dass andere Entscheidungen für Sie
getroƯen haben. Gleichzeitig wirkt es auf mich, als wären Sie unsicher, ob dieses
Gespräch überhaupt hilfreich sein kann.“
Hier zeigen sich:
 Empathie
 Wertschätzung
 Kongruenz
Prüfungsrelevante Merksätze
膆
 Mensch = entwicklungs- und wachstumsfähig
膆
 Probleme entstehen häuﬁg durch Inkongruenz
膆
 Beziehung ist der zentrale Wirkfaktor
膆
 Empathie, Wertschätzung und Kongruenz sind die drei Basisvariablen
膆
 Die Fachkraft ist Begleiterin, nicht Expertin für das Leben der Klient*innen
膆
 Ziel ist Selbstexploration, Selbstakzeptanz und persönliche Entwicklung
Merksatz für die Klausur:
Die humanistische Grundorientierung versteht den Menschen als grundsätzlich
entwicklungsfähiges Wesen. Veränderung entsteht vor allem durch eine empathische,
wertschätzende und authentische Beziehung, in der die Person ihre eigenen
Erfahrungen verstehen und integrieren kann.
Kognitiv-Verhaltensorientierte Grundorientierung
Grundidee
Die Verhaltenstherapie entstand als Gegenbewegung zur
Psychoanalyse.
Während die Psychoanalyse nach unbewussten Ursachen sucht,
fragt die Verhaltenstherapie:
„Welches Verhalten zeigt die Person und wodurch wird es
aufrechterhalten?“
Menschen werden als lernende Wesen verstanden. Problematisches
Verhalten ist häuﬁg erlernt und kann deshalb auch wieder verändert
werden.
Die drei Wellen der Verhaltenstherapie
1. Welle: Behaviorismus
Vertreter:
 John B. Watson
 B. F. Skinner
 Iwan Pawlow
Menschenbild
Der Mensch reagiert auf Umweltreize.
Innere Prozesse (Gedanken, Gefühle) werden zunächst nicht betrachtet.
Blackbox-Modell
Reiz → Blackbox → Reaktion
Nur beobachtbares Verhalten gilt als wissenschaftlich untersuchbar.
Lernprinzipien
Klassische Konditionierung
Lernen durch Verknüpfung.
Beispiel:

Hund bekommt Futter → Speichelﬂuss

Glocke + Futter → Speichelﬂuss

Glocke allein → Speichelﬂuss
Operante Konditionierung
Lernen durch Konsequenzen.
Verhalten wird häuﬁger, wenn es belohnt wird.
Beispiel:
Kind räumt auf → Lob → räumt häuﬁger auf.
Modelllernen
Nach Albert Bandura.
Menschen lernen durch Beobachtung anderer.
Beispiel:
Jugendliche übernehmen Verhaltensweisen von Freunden, Eltern oder Inﬂuencern.
2. Welle: Kognitive Wende
Seit den 1970er Jahren.
Nicht nur Verhalten ist wichtig, sondern auch:

Gedanken

Bewertungen

Überzeugungen

Erwartungen
Grundannahme:
Nicht Situationen verursachen Gefühle, sondern die Bewertung der Situation.
ABC-Modell nach Ellis
A = Activating Event
Auslösende Situation
Beispiel:
„Ich bekomme eine schlechte Note.“
B = Belief System
Gedanken und Bewertungen
Beispiel:
„Ich bin komplett unfähig.“
C = Consequences
Folgen
Gefühle
 Angst
 Scham
 Traurigkeit
Körper
 Herzrasen
 Schwitzen
Verhalten
 Rückzug
 Vermeidung
Beispiel
A:
Ausbilder kritisiert mich.
B:
„Alle halten mich für unfähig.“
C:
 Angst
 Anspannung
 Fehlzeiten
 Vermeidung
Sozialarbeiterische Gesprächsfrage
„Was geht Ihnen in solchen Situationen durch den Kopf?“
oder
„Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie an den nächsten Ausbildungstag denken?“
Kognitive Umstrukturierung
Ziel:
Belastende Gedanken erkennen und überprüfen.
Vier Schritte
1. Bewusstwerden
Automatischen Gedanken erkennen.
Beispiel:
„Ich schaƯe das sowieso nicht.“
2. Hinterfragen
Belege sammeln.
Fragen:
 Stimmt das wirklich?
 Welche Gegenbeispiele gibt es?
3. Neubewerten
Realistischeren Gedanken entwickeln.
Statt: „Ich schaƯe nie etwas.“
eher: „Diese Situation ist schwierig, aber ich habe auch schon Herausforderungen
bewältigt.“
4. Ausprobieren
Neue Sichtweise im Alltag testen.
SORCK-Modell
Detaillierte Verhaltensanalyse nach Frederic Kanfer.
Buchstabe
Bedeutung
S
Stimulus (Auslöser)
O
Organismusvariable
R
Reaktion
K
Kontingenz
C
Konsequenz
Beispiel
Jugendliche verlässt Gespräch.
S  Thema Schule wird angesprochen.
O  Frühere Misserfolge und Angst vor Kritik.
R  Rückzug und Gesprächsabbruch.
K  Vermeidung reduziert zuverlässig Stress.
C  Kurzfristige Erleichterung.
Langfristig bleibt das Problem bestehen.
3. Welle der Verhaltenstherapie
Seit den 1990er Jahren.
Fokus auf:
 Emotionen
 Achtsamkeit
 Akzeptanz
 Selbstmitgefühl
Wichtige Verfahren
ACT
Akzeptanz- und Commitment-Therapie
Ziel:
Gefühle akzeptieren und trotzdem werteorientiert handeln.
DBT
Dialektisch-Behaviorale Therapie
Besonders bei starker Emotionsregulation und Selbstverletzungen.
MBCT
Mindfulness-Based Cognitive Therapy
Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie.
MBSR
Mindfulness-Based Stress Reduction
Stressbewältigung durch Achtsamkeit.
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Verhaltenstherapeutische Elemente ﬁnden sich häuﬁg in:
 Jugendhilfe
 Schulsozialarbeit
 Wohnungslosenhilfe
 Suchthilfe
 Sozialpsychiatrie
Typische Anwendungen:
 Soziale Kompetenztrainings
 Belohnungssysteme (Token-Systeme)
 Angstbewältigung
 Psychoedukation
 Gesprächsführung mit ABC- oder SORCK-Modell
Grenze zwischen Sozialer Arbeit und Psychotherapie
Soziale Arbeit
 Unterstützen
 Strukturieren
 Motivieren
 Psychoedukation
 Ressourcen fördern
 Alltag bewältigen helfen
Psychotherapie
 Diagnostik psychischer Störungen
 Behandlung psychischer Erkrankungen
 Traumatherapie
 Tiefgehende Veränderung psychischer Symptome
Deshalb ist häuﬁg interprofessionelle Zusammenarbeit notwendig.
Prüfungsrelevante Merksätze
膆
 Verhalten wird gelernt und kann wieder verlernt bzw. verändert werden.
膆
 Gedanken beeinﬂussen Gefühle und Verhalten.
膆
 Nicht das Ereignis (A), sondern seine Bewertung (B) erzeugt die Konsequenzen (C).
膆
 Vermeidung reduziert kurzfristig Belastung, stabilisiert Probleme aber oft langfristig.
膆
 Das SORCK-Modell dient der systematischen Verhaltensanalyse.
膆
 Moderne KVT berücksichtigt Gedanken, Gefühle, Verhalten und soziale
Beziehungen.
Klausur-Merksatz
Die kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung geht davon aus, dass psychische
Probleme durch erlernte Verhaltensweisen, Bewertungen und emotionale
Reaktionsmuster entstehen und durch Analyse, Reﬂexion sowie neue Erfahrungen
verändert werden können.
Systemische Grundorientierung
Grundidee
Systemische Ansätze sind in der Sozialen Arbeit sehr verbreitet. Sie sehen Probleme
nicht als Eigenschaft einer einzelnen Person, sondern als Ergebnis von
Wechselwirkungen in Beziehungen, Familien und Institutionen.
Zentrale Grundlagen:

Konstruktivismus

Systemtheorie
Konstruktivismus
Die Wirklichkeit ist nicht einfach objektiv „da“, sondern wird durch Beobachtung und
Kommunikation mit konstruiert.
Kernaussage
Es gibt keine absolute, voraussetzungsfreie Wahrheit.
Menschen nehmen Realität immer aus ihrer jeweiligen Perspektive wahr.
Wahrnehmung wird beeinﬂusst durch:
 Sprache
 Kultur
 Geschichte
 Medien
 soziale Beziehungen
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Fachkräfte sollten nicht fragen:
„Was ist die richtige Wahrheit?“
sondern eher:
„Wie wird die Situation von den Beteiligten jeweils erlebt und gedeutet?“
Systemtheorie
Ein System ist eine Gruppe von Elementen, die durch Beziehungen verbunden sind.
Wichtige BegriƯe
System
 mehrere Elemente
 durch Beziehungen verbunden
 von der Umwelt abgrenzbar
Zirkularität
 Jedes Verhalten beeinﬂusst anderes Verhalten
 Ursachen und Wirkungen laufen gegenseitig
 Kein einfaches „A verursacht B“
Beobachtung
 Erst durch den systemischen Blick wird ein System sichtbar
 Die Beobachterin ist nicht neutral außenstehend, sondern Teil der
Wirklichkeitskonstruktion
Entwicklung systemischer Ansätze
1950er Jahre: Familie wird wichtig
 Weg von der reinen Einzelbehandlung
 Familie und Umfeld werden in Therapie und Beratung einbezogen
Kybernetik erster Ordnung
 Familie wurde als steuerbares System verstanden
 Fokus auf Homöostase, also Gleichgewicht
Kybernetik zweiter Ordnung
 Beobachterin und Beraterin werden selbst Teil des Systems
 Wirklichkeit wird als Konstruktion verstanden
 Weniger Steuerung, mehr Reﬂexion
Wichtige Vertreter*innen und Schulen
 Palo-Alto-Gruppe
 Virginia Satir
 Salvador Minuchin
 Mailänder Gruppe
 Michael White
 de Shazer
 Tom Andersen
Grundhaltung systemischer Arbeit
1. Lösungsorientierung
Nicht das Problem wird endlos analysiert, sondern nach Lösungen und kleinen
Veränderungen gesucht.
2. Ressourcenorientierung
Jede Person und jedes System hat Fähigkeiten, Stärken und Bewältigungsmöglichkeiten.
3. Angebotsorientierung
Fachkräfte können nur Angebote machen, keine Veränderungen erzwingen.
4. Sinnhaftigkeit von Verhalten
Auch problematisches Verhalten hat aus Sicht der Person oft einen guten Grund.
5. Nichtwissende Haltung
Fachkräfte sind nicht die allwissenden Expert*innen, sondern begleiten den Prozess.
Virginia Satir: Menschenbild
Satir betonte, dass Menschen zu einem erfüllten Leben fünf Freiheiten brauchen:
1. wahrnehmen, was wirklich da ist
2. sagen, was man denkt und fühlt
3. zu Gefühlen stehen
4. um Bedürfnisse bitten
5. Risiken eingehen
Familie als „Fabrik der Persönlichkeit“
Die Familie prägt Selbstwert, Kommunikation, Regeln und den Umgang mit der
Gesellschaft.
Belastete vs. fördernde Familien
Belastete Familien
 niedriger Selbstwert
 indirekte oder vage Kommunikation
 starre Regeln
 angstvolle Beziehung zur Umwelt
Fördernde Familien
 hoher Selbstwert
 klare und ehrliche Kommunikation
 ﬂexible Regeln
 oƯene, hoƯnungsvolle Beziehung zur Umwelt
Typische systemische Methoden
Zirkuläre Fragen
Fragen, die Perspektivwechsel ermöglichen.
Beispiel:

„Woran würde Ihre Mutter merken, dass sich etwas verändert?“
Wunderfrage
Frage nach einer Zukunft, in der das Problem gelöst ist.
Beispiel:

„Woran würden Sie morgen als Erstes merken, dass ein Wunder passiert ist?“
Ausnahmen
Fragen nach Situationen, in denen das Problem weniger stark war.
Reframing
Neubewertung eines Verhaltens in einem neuen Sinnzusammenhang.
Beispiel:

Statt „unzuverlässig“ eher: „steht unter widersprüchlichen Erwartungen“.
Skalierungsfragen
Belastung oder Veränderung auf einer Skala einschätzen.
Systemisch sehen heißt:
Nicht vorschnell einzelne Personen verantwortlich machen, sondern fragen:
 Wer beeinﬂusst wen?
 Welche Erwartungen wirken?
 Welche Regeln und Abhängigkeiten bestehen?
 Welche Muster stabilisieren das Problem?
Bedeutung für die Soziale Arbeit
Systemische Soziale Arbeit ist besonders wichtig, weil sie:
 Beziehungen,
 Familie,
 Institutionen,
 Netzwerke,
 und soziale Kontexte
miteinbezieht.
Sie passt gut zur Sozialen Arbeit, weil dort fast immer mehrere Systeme gleichzeitig
wirken:
 Familie
 Schule
 Jugendamt
 Jobcenter
 Wohngruppe
 Freundeskreis
Zentrale Merksätze
 Probleme sind oft Beziehungs- und Kontextphänomene.
 Verhalten ist meist sinnvoll im jeweiligen System.
 Veränderungen entstehen über Anstöße, nicht über Zwang.
 Fachkräfte beobachten nicht nur das Problem, sondern auch die Muster
dahinter.
 Systemische Soziale Arbeit erweitert Handlungsmöglichkeiten, statt Schuld
zuzuweisen.
Klausur-Merksatz
Die systemische Grundorientierung versteht Verhalten als Ergebnis von
Wechselwirkungen in sozialen Systemen und arbeitet ressourcen-, lösungs- und
beziehungsorientiert mit einer nichtwissenden Haltung.
Aspekt
Humanistische
Grundorientierung
Kognitiv-
verhaltensorientierte
Grundorientierung
(KVT)
Systemische
Grundorientierung
Menschenbild
Mensch als
entwicklungsfähiges,
sinn- und
beziehungsorientiertes
Wesen
Mensch als
lernendes Wesen,
Verhalten ist erlernt
und veränderbar
Mensch als Teil von
Beziehungs- und
Kommunikationssystemen
Ursache von
Problemen
Inkongruenz zwischen
Selbstbild und
Erfahrung
Dysfunktionale
Lernerfahrungen,
Gedanken und
Verhaltensmuster
Interaktionsmuster im
System (Familie,
Institutionen etc.)
Fokus der Erklärung
Innere Erleben, Selbst,
Beziehung
Verhalten + Gedanken
+ Emotionen
Beziehungen,
Kommunikation, Kontext
Veränderungslogik
Veränderung durch
Beziehung und
Selbstexploration
Veränderung durch
Lernen, Üben,
Umstrukturieren
Veränderung durch
Veränderung von Mustern
im System
Therapeutische/soziale
Haltung
Empathie, Kongruenz,
Wertschätzung
Strukturierend,
problem- und
zielorientiert
Nichtwissend, neugierig,
zirkulär
Rolle der Fachkraft
Beziehungsperson,
authentisches
Gegenüber
Trainerin / Coach /
Problemlöserin
Moderator*in von
Perspektiven und
Systemprozessen
Wichtige Methoden
Aktives Zuhören,
Gespräch, Beziehung
ABC-Modell, SORKC,
kognitive
Umstrukturierung,
Verstärkung
Zirkuläre Fragen, Reframing,
Genogramm, Wunderfrage
Zielsetzung
Selbstverwirklichung,
Wachstum, Kongruenz
Symptomreduktion,
Verhaltensänderung,
Bewältigung
Veränderung von
Kommunikations- und
Beziehungsmustern
Störungsverständnis
Blockierte Entwicklung
durch inkongruente
Erfahrungen
Fehl- oder ungünstig
gelernte Muster
Stabilisierung
problematischer
Systemdynamiken
Zeitlicher Fokus
Gegenwart +
subjektives Erleben
Gegenwart + konkrete
Verhaltensanalyse
Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft im System
Beziehungsverständnis
Beziehung ist zentraler
Wirkfaktor (Beziehung
= Intervention)
Beziehung als
Rahmen für
Veränderung
Beziehung als Teil des
Systems und seiner
Muster


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# Übungsklausur

Übungsklausur
Grundlagen der Psychologie
SoSe 2026 | Prof.in Dr.in Alexandra Zein
Mögliche Single-Choice-Fragen
Single-Choice bedeutet, dass nur eine Antwort richtig ist. Kreuzen Sie in der Klausur also bitte nur jeweils
eine Antwort an:
Welche Aussage beschreibt das systemisch-interaktionistische Menschenbild am treffendsten?
a)
Der Mensch wird als soziales Wesen verstanden, das in ständiger Wechselbeziehung mit anderen
und seiner Umwelt steht.
b)
Der Mensch wird vor allem als autonomes Individuum gesehen, das sich unabhängig von sozialen
Beziehungen aus eigener Kraft entwickelt.
c)
Der Mensch gilt als weitgehend durch angeborene Eigenschaften und frühe Erfahrungen festgelegt,
sodass Veränderung nur begrenzt möglich ist.
d)
Der Mensch wird als 'Tabula rasa' verstanden, dessen Verhalten hauptsächlich durch äußere Reize
und Verstärkung geformt wird.
e)
Der Mensch wird primär über innere, unbewusste Konflikte erklärt, die sein Erleben und Handeln
steuern.
Mögliche Single-Choice-Fragen
Single-Choice bedeutet, dass nur eine Antwort richtig ist. Kreuzen Sie in der Klausur also bitte nur jeweils eine
Antwort an:
Welche Aussage beschreibt das systemisch-interaktionistische Menschenbild am treffendsten?
a) Der Mensch wird als soziales Wesen verstanden, das in ständiger
Wechselbeziehung mit anderen und seiner Umwelt steht.
b)
Der Mensch wird vor allem als autonomes Individuum gesehen, das sich unabhängig von sozialen
Beziehungen aus eigener Kraft entwickelt.
c)
Der Mensch gilt als weitgehend durch angeborene Eigenschaften und frühe Erfahrungen festgelegt,
sodass Veränderung nur begrenzt möglich ist.
d)
Der Mensch wird als 'Tabula rasa' verstanden, dessen Verhalten hauptsächlich durch äußere Reize und
Verstärkung geformt wird.
e)
Der Mensch wird primär über innere, unbewusste Konflikte erklärt, die sein Erleben und Handeln steuern.
Welche Aussage erklärt am besten, warum die Reflexion des eigenen
Menschenbildes für Fachkräfte der Sozialen Arbeit wichtig ist?
a)
Sie ist vor allem wichtig, damit Fachkräfte sich eindeutig auf eine einzige
Grundorientierung festlegen und diese unabhängig von Adressat*innen konsequent
anwenden.
b)
Sie ist wichtig, weil in der Sozialen Arbeit das Menschenbild nur die theoretische Haltung
betrifft, während der Interventionsstil davon weitgehend unberührt bleibt.
c)
Sie ist wichtig, weil das eigene Menschenbild beeinflusst, welche Probleme Fachkräfte
überhaupt wahrnehmen, wie sie Verhalten verstehen und welche Interventionen sie in der
Praxis der Sozialen Arbeit für passend halten.
d)
Sie ist vor allem wichtig, um zu prüfen, ob Adressat*innen das gleiche Menschenbild wie
die Fachkraft teilen, damit Beratung möglichst widerspruchsfrei bleibt.
Welche Aussage erklärt am besten, warum die Reflexion des eigenen
Menschenbildes für Fachkräfte der Sozialen Arbeit wichtig ist?
a)
Sie ist vor allem wichtig, damit Fachkräfte sich eindeutig auf eine einzige
Grundorientierung festlegen und diese unabhängig von Adressat*innen konsequent
anwenden.
b)
Sie ist wichtig, weil in der Sozialen Arbeit das Menschenbild nur die theoretische Haltung
betrifft, während der Interventionsstil davon weitgehend unberührt bleibt.
c) Sie ist wichtig, weil das eigene Menschenbild beeinflusst, welche
Probleme Fachkräfte überhaupt wahrnehmen, wie sie Verhalten
verstehen und welche Interventionen sie in der Praxis der Sozialen
Arbeit für passend halten.
d)
Sie ist vor allem wichtig, um zu prüfen, ob Adressat*innen das gleiche Menschenbild wie
die Fachkraft teilen, damit Beratung möglichst widerspruchsfrei bleibt.
Welche eineGrundorientierung passt am besten zu dem Menschenbild,
dass Menschen unter günstigen Bedingungen ein inwohnendesPotenzial
auf konstruktive und sozial verbindende Weise entfalten können?
a)
Kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung
b)
Humanistische Grundorientierung
c)
Systemische Grundorientierung
d)
Psychoanalytische Grundorientierung
Welche eineGrundorientierung passt am besten zu dem
Menschenbild, dass Menschen unter günstigen Bedingungen ein
inwohnendesPotenzial auf konstruktive und sozial verbindende
Weise entfalten können?
a)
Kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung
b) Humanistische Grundorientierung
c)
Systemische Grundorientierung
d)
Psychoanalytische Grundorientierung
Weitere Übungsaufgaben finden Sie in OneTutor zum Thema
Grundorientierungen
Fallbeispiel
Bearbeiten Sie alle Aufgaben. Achten Sie darauf, dass Ihre Antworten jeweils fachlich begründet und konkret auf das Fallbeispiel bezogen sind.
•
Die Schulsozialarbeiterin einer Realschule wird von einem Klassenlehrer wegen Milan, 14 Jahre, angesprochen. Milan besucht die 8. Klasse. Seit
Beginn des Schuljahres kommt er häufiger zu spät, wirkt im Unterricht unkonzentriert und gibt Hausaufgaben nur unregelmäßig ab. In den
letzten Wochen kam es mehrfach zu Konflikten mit Mitschülern. In einer Situation schubste Milan einen Mitschüler, nachdem dieser gesagt
hatte: „Du checkst es eh nicht.“ Milan reagierte darauf laut, verließ den Klassenraum und war für den Rest der Stunde nicht mehr ansprechbar.
•
Milan lebt mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und seiner siebenjährigen Halbschwester Nora zusammen. Sein leiblicher Vater lebt in einer
anderen Stadt. Der Kontakt besteht unregelmäßig. Milan sagt dazu: „Er meldet sich, wenn er Lust hat. Ich frage nicht mehr.“ Die Mutter
berichtet, Milan sei früher ein „aufgewecktes Kind“ gewesen, aktuell aber „dauernd gereizt“. Zu Hause ziehe er sich zurück, esse häufig allein
und reagiere schnell aggressiv, wenn man ihn auf Schule oder Familie anspreche.
•
Vor etwa einem Jahr ist die Familie umgezogen, weil die Mutter mit ihrem neuen Partner zusammengezogen ist. Milan musste dadurch die
Schule wechseln. In der alten Schule hatte er zwei enge Freunde, zu denen der Kontakt inzwischen kaum noch besteht. In der neuen Klasse hat
Milan bislang wenig Anschluss gefunden. Er sagt: „Die kennen sich alle schon. Ich bin da nur der Neue.“ Gleichzeitig will er nicht, dass die
Lehrkräfte ihn besonders unterstützen: „Dann merken erst recht alle, dass mit mir was nicht stimmt.“
•
Die Mutter berichtet, Milan verbringe viel Zeit mit Online-Spielen. Wenn er verliert, wird er schnell wütend, spielt aber weiter. Manchmal spielt
er bis spät in die Nacht. Morgens sei er dann erschöpft. Auf Nachfrage der Schulsozialarbeiterin sagt Milan: „Beim Zocken bin ich wenigstens
gut. Da weiß ich, was ich tun muss.“ Für Klassenarbeiten lerne er kaum noch. Wenn er eine schlechte Note bekommt, sagt er: „War doch klar.
Bringt eh nichts.“
•
Nora besucht die zweite Klasse. Sie sucht häufig Milans Nähe, besonders wenn es zu Hause Streit gibt. In letzter Zeit fragt sie öfter, ob Milan
„auch irgendwann weggeht“. Die Mutter beschreibt Nora als anhänglich und teilweise wieder „kleiner“, als sie eigentlich sei. Nora möchte
abends wieder vorgelesen bekommen, obwohl sie dies eine Zeit lang nicht mehr wollte. Wenn Milan gereizt reagiert, beginnt Nora zu weinen
oder versteckt sich in ihrem Zimmer.
•
Der Stiefvater sagt im Gespräch mit der Mutter: „Milan muss lernen, sich zusammenzureißen. In dem Alter muss man Verantwortung
übernehmen.“ Die Mutter wirkt belastet und sagt, sie wolle Milan helfen, wisse aber nicht, wie sie an ihn herankomme. Milan selbst sagt im
Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin zunächst: „Ich brauche keine Hilfe.“ Nach einer längeren Pause ergänzt er: „Ich will einfach nicht mehr
auffallen.“
Aufgabe 1: Fallerschließung und Zuordnung psychologischer Grundlagen –
12 Punkte
Nennen Sie vier zentrale Fallinformationen und ordnen Sie diese jeweils einem psychologischen
Grundlagenbereich zu. Beschreiben Sie kurz, warum die jeweilige Information für diesen Bereich
relevant ist.
• Mögliche Bereiche: Bindung, Entwicklungspsychologie, Grundbedürfnisse nach Grawe,
psychische Probleme, Emotionen, Lernen.

4 passende Fallinformationen: je 1 Punkt = 4 Punkte

fachlich passende Zuordnung: je 1 Punkte = 4 Punkte

kurze fallbezogene Begründung: je 1 Punkte = 4 Punkte
Fallinformation
Psychologischer
Grundlagenbereich
Begründung
Unregelmäßiger Kontakt zum
leiblichen Vater
Bindung
Verlässlichkeit und Beziehungssicherheit sind
belastet; Milan schützt sich möglicherweise durch
Rückzug und Abwertung des Kontakts.
Umzug, Schulwechsel und
Verlust alter Freundschaften
Entwicklungs-psychologie /
Grundbedürfnisse
In der Jugendphase sind Peerbeziehungen,
Zugehörigkeit und Selbstwert besonders bedeutsam.
Gereiztheit, Rückzug,
Schlafmangel und
Leistungsabfall
Psychische Probleme /
Emotionen
Dies sind beobachtbare Hinweise auf Belastung,
aber keine ausreichende Grundlage für eine
Diagnose.
Gaming als Bereich von
Kompetenz und Kontrolle
Lernen / Grundbedürfnisse
nach Grawe
Online-Spiele bieten klare Regeln, unmittelbare
Rückmeldung und Erfolgserleben; das Verhalten
kann kurzfristig entlasten.
Noras Anhänglichkeit und
Angst, Milan könne auch
weggehen
Bindung / Entwicklungs-
psychologie
Nora reagiert auf familiäre Spannungen und
Unsicherheit mit Nähebedürfnis und Verlustangst.
Milan möchte keine besondere
Unterstützung, um nicht
aufzufallen
Selbstwertschutz /
Emotionen
Hilfe kann als beschämend erlebt werden; Rückzug
kann dem Schutz vor Bewertung dienen.
Aufgabe 1: Antwort
Aufgabe 2: Entwicklungspsychologische Analyse –12 Punkte
Analysieren Sie anhand der bereitgestellten Tabelle zur Entwicklungspsychologie zwei
entwicklungspsychologisch relevante Aspekte oder Übergänge im Fall. Beziehen Sie dabei Milan
und/oder Nora ein.
• Gehen Sie jeweils auf folgende Punkte ein:
1. alters- bzw. entwicklungsbezogene Einordnung, (je 1 Punkt = 2 Punkte)
2. mögliche Entwicklungsaufgaben oder Übergänge, je 2 Punkte = 4 Punkte
3. Bedeutung für das Verhalten im Fall, je 2 Punkte = 4 Punkte
4. mögliche Relevanz für Soziale Arbeit. je 1 Punkt = 2 Punkte
Aufgabe 2: Antwort
Aspekt / Übergang
Einordnung
Fallbezogene Analyse
Relevanz für Soziale Arbeit
Milan: frühe
Jugendphase
Identitätsentwicklung,
Autonomie, Selbstwert,
zunehmende Bedeutung der
Peers.
Milan erlebt sich als „der Neue“, vermeidet
Aufmerksamkeit und reagiert empfindlich
auf Bewertung. Konflikte können auch als
Schutzreaktion verstanden werden.
Nicht beschämende
Beziehungsgestaltung, Beteiligung,
Stärkung von Selbstwirksamkeit und
sozialer Zugehörigkeit.
Milan: Schulwechsel
und Verlust vertrauter
Peers
Übergang mit
Neuorientierung in einer
bereits bestehenden
Klassengemeinschaft.
Der Verlust alter Freundschaften und
fehlender Anschluss können Rückzug,
Leistungsabfall und Vermeidung
verstärken.
Unterstützung bei Integration in
Klasse, Peerbeziehungen und
schulischen Anforderungen;
Kooperation mit Klassenleitung.
Nora: Grundschulalter
Sicherheitsbedürfnis,
Beziehungsstabilität und
verlässliche
Alltagsstrukturen bleiben
bedeutsam.
Anhänglichkeit, Wunsch nach Vorlesen und
Angst, Milan könne weggehen, können als
Reaktion auf familiäre Unsicherheit und
Konflikte gedeutet werden.
Nora als mitbetroffenes
Familienmitglied einbeziehen; Mutter
beraten; entlastende familiäre
Strukturen anregen.
Familie: neue
Familienkonstellation
Stieffamilie, neue Rollen,
Trennungserfahrung und
Kontaktabbrüche als
Entwicklungs- und
Übergangskontext.
Milan erlebt möglicherweise unklare
Erwartungen: „Verantwortung übernehmen“
versus eigener Unterstützungsbedarf.
Familiäre Rollen und Erwartungen
klären, ohne Milan zu pathologisieren;
ggf. Erziehungsberatung anregen.
Aufgabe 3: Bindung und Grundbedürfnisse nach Grawe –14 Punkte
Analysieren Sie den Fall mit Blick auf Bindung und die psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe.
Bearbeiten Sie dabei:

zwei bindungsrelevante Aspekte im Fall,

drei Grundbedürfnisse nach Grawe, die im Fall belastet oder bedroht sein könnten,

eine Schlussfolgerung für die professionelle Beziehungsgestaltung in der Sozialen Arbeit.
• zwei bindungsrelevante Aspekte mit Fallbezug: je 2 Punkte = 4 Punkte
• drei Grundbedürfnisse nach Grawe korrekt benannt und fallbezogen erläutert: je 2 Punkte = 6
Punkte
• nachvollziehbare Schlussfolgerung für die Beziehungsgestaltung: 4 Punkte
Aufgabe 3: Antwort
• a) Bindungsrelevante Aspekte

Unregelmäßiger Vaterkontakt: Der Kontakt zum leiblichen Vater ist unvorhersehbar. Milans
Aussage „Ich frage nicht mehr“ kann als Schutz vor Enttäuschung verstanden werden.

Noras Nähe- und Verlustangst: Nora sucht Milans Nähe, reagiert auf Streit mit Rückzug oder
Weinen und fragt, ob Milan auch weggeht. Dies verweist auf ein erhöhtes
Sicherheitsbedürfnis.

Schulischer Beziehungskontext: Milan hat alte Freundschaften verloren und in der neuen
Klasse wenig Anschluss. Zugehörigkeit ist dadurch belastet.

Professionelle Beziehung: Milan sagt zunächst, er brauche keine Hilfe; nach einer Pause
formuliert er aber ein Anliegen. Dies spricht für eine vorsichtige, verlässliche und nicht
beschämende Kontaktgestaltung.
Aufgabe 3: Antwort
Grundbedürfnis
Fallbezug
Bewertungsrelevanz
Bindung
Unregelmäßiger Vaterkontakt, Verlust alter
Freundschaften, wenig Anschluss in der neuen
Klasse, Noras Nähebedürfnis.
Benennung und fallbezogene
Erläuterung: bis 2 Punkte.
Orientierung und Kontrolle
Umzug, Schulwechsel, neue Familienkonstellation,
unklare Rolle des Stiefvaters, fehlende
Vorhersehbarkeit beim Vaterkontakt.
Benennung und fallbezogene
Erläuterung: bis 2 Punkte.
Selbstwerterhöhung und
Selbstwertschutz
Milan möchte nicht auffallen, lehnt besondere
Unterstützung ab, erwartet Misserfolg und erlebt
Gaming als Kompetenzbereich.
Benennung und fallbezogene
Erläuterung: bis 2 Punkte.
Lustgewinn und
Unlustvermeidung
Gaming, Rückzug aus Gesprächen, Vermeidung von
Lernen und schulischen Anforderungen, aggressive
Distanzierung bei Beschämung.
Benennung und fallbezogene
Erläuterung: bis 2 Punkte.
b) Grundbedürfnisse nach Grawe
Aufgabe 3: Antwort
c) Schlussfolgerung für Beziehungsgestaltung
Für volle Punktzahl soll deutlich werden, dass Soziale Arbeit eine verlässliche, transparente,
beteiligungsorientierte und nicht beschämende Arbeitsbeziehung anbieten sollte.
Auszuführen sind:
• klare Absprachen,
• Schutz vor Bloßstellung,
• Anerkennung von Milans Wunsch, nicht aufzufallen,
• behutsame Ressourcenorientierung
• Transparenz gegenüber Mutter und Schule
Hilfe sollte nicht als Kontrolle oder Defizitmarkierung erlebt werden. Grenzen der Vertraulichkeit sind bei
gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung zu benennen.
Aufgabe 4: Aufgaben und Grenzen Sozialer Arbeit –16 Punkte
Leiten Sie aus Ihrer Analyse zwei fachlich begründete Aufgaben Sozialer Arbeit ab. Berücksichtigen
Sie dabei auch Grenzen Sozialer Arbeit und mögliche Kooperationen.

zwei passende Aufgaben Sozialer Arbeit: je 2 Punkte = 4 Punkte

fachliche Begründung mit Bezug auf den Fall: 2 Punkte

Reflexion von Grenzen und Kooperationen: 2 Punkte

Formulieren Sie eine mögliche Reaktion auf Milans Aussage (letzter Absatz des Fallbeispiels).
Begründen Sie fachlich, warum Sie so reagieren würden und welche Wirkung Sie anstreben: 8
Punkte
Mögliche Aufgabe Sozialer Arbeit
Fallbezogene Begründung
Arbeitsbeziehung zu Milan aufbauen
Milan lehnt Hilfe zunächst ab, formuliert aber nach einer Pause ein Anliegen. Verlässlichkeit,
Transparenz und Beteiligung sind fachlich zentral.
Belastungen und Ressourcen klären
Mehrere Belastungen greifen ineinander; gleichzeitig bestehen Ressourcen wie
Kompetenzbereiche, Gesprächsöffnung und Sorge der Mutter.
Schulische Integration und
Peerbeziehungen unterstützen
Milan erlebt sich als „der Neue“ und hat wenig Anschluss. Zugehörigkeit und Selbstwert sind
belastet.
Mutter beraten und familiäre Rollen
reflektieren
Die Mutter möchte helfen, weiß aber nicht, wie sie Zugang findet. Erwartungen des Stiefvaters
können beschämend wirken.
Nora als mitbetroffenes Familienmitglied
mitdenken
Nora zeigt Nähebedürfnis, Verlustangst und regressiv wirkendes Verhalten. Entlastende
Alltagsstrukturen können relevant sein.
Kooperationen prüfen
Klassenleitung, Beratungslehrkraft, Schulpsychologie, Erziehungsberatung oder Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapie können je nach Verlauf einbezogen werden.
Grenzen Sozialer Arbeit benennen
Keine Diagnosestellung, keine Therapie; sozialpädagogische Einschätzung, Beratung,
Koordination, Ressourcenaktivierung und Weitervermittlung. Schutzauftrag bei gewichtigen
Anhaltspunkten beachten.
Aufgabe 4: Antwort
Aufgabe 4: Antwort
„Milan, ich höre, dass Sie gerade sehr unter Druck stehen und dass Sie sich offenbar nicht ernst genommen
fühlen. Mir ist wichtig, dass wir jetzt nicht vorschnell über Sie entscheiden, sondern gemeinsam sortieren, was
Sie gerade belastet und was für Sie ein erster nächster Schritt wäre. Gleichzeitig nehme ich ernst, dass die
Situation für Sie und Ihr Umfeld gerade schwierig ist. Wir können gemeinsam schauen, was kurzfristig entlastet
und wobei Sie selbst mitentscheiden können.“ (3P)
Fachliche Begründung:
• Milans Aussage wird zunächst validiert, ohne sie zu dramatisieren oder zu bewerten. Damit wird seine
subjektive Belastung anerkannt und eine beschämende oder konfrontative Gesprächsdynamik vermieden.
Gleichzeitig bleibt die Fachkraft handlungsorientiert: Sie macht deutlich, dass Belastungen konkretisiert und
bearbeitbar gemacht werden sollen. Das entspricht einer ressourcen- und beteiligungsorientierten Haltung
Sozialer Arbeit, weil Milan nicht als Problemträger festgelegt wird, sondern als Person angesprochen wird,
die eigene Deutungen, Bedürfnisse und Handlungsspielräume einbringen kann. (3P)
Angestrebte Wirkung:
• Die Reaktion soll Beziehungssicherheit herstellen, Widerstand oder Rückzug reduzieren und Milan
ermöglichen, seine Belastung zu benennen. Zugleich soll Selbstwirksamkeit gestärkt werden, indem nicht
über Milan hinweg entschieden wird, sondern ein nächster Schritt gemeinsam entwickelt wird. (2P)


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# Übungsklausur – Musterlösung

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Matrikelnr.:


Übungsklausur – Psychologische Grundlagen Sozialer Arbeit
Bearbeitungszeit
60 Minuten
Gesamtpunktzahl
60 Punkte

Hinweise zur Bearbeitung
•
Bearbeiten Sie alle Aufgaben. Die Themenzuordnung ist in jeder Aufgabe ausdrücklich angegeben.
•
Formulieren Sie fallbezogen. Allgemeine Definitionen allein reichen nicht aus.
•
Begründen Sie konkret und vermeiden Sie „Worthülsen“.
•
Es geht nicht um klinische Diagnosestellung. Unterscheiden Sie Beobachtung, fachliche Hypothese und
Diagnose.
•
Nutzen Sie die Tabelle zur Entwicklungspsychologie für die alters- und entwicklungsbezogene
Einordnung.
•
Beziehen Sie die Aufgaben Sozialer Arbeit auf Beratung, Beziehungsgestaltung, Ressourcenaktivierung,
Koordination, Teilhabe, Schutz und Grenzen des eigenen fachlichen Handelns.
Operatoren in dieser Klausur
Operator
Bedeutung für die Bearbeitung
nennen
Fachlich passende Aspekte knapp anführen, ohne
ausführliche Begründung.
beschreiben
Einen Sachverhalt mit Fallbezug nachvollziehbar
darstellen.
erläutern
Einen Zusammenhang erklären und mit Fallinformationen
verdeutlichen.
einordnen
Eine Fallinformation einem fachlichen Konzept,
Entwicklungsabschnitt oder theoretischen Zugang
zuweisen und diese Zuordnung begründen.
analysieren
Fallinformationen systematisch untersuchen,
Zusammenhänge herausarbeiten und fachlich begründete
Schlussfolgerungen bilden.
vergleichen
Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Möglichkeiten und
Grenzen verschiedener Perspektiven herausarbeiten.
ableiten
Aus der Analyse begründete Aufgaben, Handlungsschritte
oder fachliche Konsequenzen entwickeln.
reflektieren
Voraussetzungen, Grenzen, Ambivalenzen und mögliche
Folgen des fachlichen Handelns kritisch berücksichtigen.
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Matrikelnr.:


Tabelle zur Entwicklungspsychologie
Alter
Ich- und Beziehungsentwicklung / Ängste
Kognitive Entwicklung
(Piaget / Theory of Mind)
Todesverständnis
Bis 6 Monate
Enge Verbundenheit mit der Bezugsperson;
Angst vor Wegsein, Schmerz, Hunger und
unbekannten Reizen.
Frühe sensumotorische Phase: Wahrnehmung, Reflexe
und erste aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt
stehen im Vordergrund.
Noch kein Todesbegriff; existenzielle
Bedrohung bei Wegsein der Bezugsperson.
6–18 Monate
Zunehmend eigenständig; Bezugsperson
als sicherer Hafen; Angst vor Trennung und
Verlust von Vertrautem.
Weitere sensumotorische Entwicklung: Erkundung von
Objekten, zielgerichteteres Handeln; im 1. Lebensjahr
werden erste Handlungsziele anderer Personen erkannt.
Kein Todesverständnis; Fehlendes wird
gesucht, Trennung löst Existenzangst aus.
Ab 18/24
Monaten
Eigener Wille; Sicherheit durch
Zugehörigkeit; Angst, nicht mehr geliebt zu
werden.
Übergang von der späten sensumotorischen Phase zu
frühen symbolischen Denkformen; Kinder beginnen zu
verstehen, dass andere Menschen andere Wünsche
haben können.
Kein ausgereiftes Todesverständnis;
Bindung und Trennung stehen im
Vordergrund.
Ab 3 Jahren
Gruppenbezug wächst; Angst vor
Ablehnung, Hexen, Drachen und Gewitter.
Voroperatorisches Denken: Egozentrismus, animistische
und finalistische Erklärungen, noch keine
Mengeninvarianz; um ca. 4 Jahre wird das Verständnis
eines falschen Glaubens möglich.
Tod als Schlaf, Reise oder vorübergehender
Zustand; magisches Denken.
Ab 6 Jahren
Leistungs- und Freundschaftsbezug; Angst,
nicht mitzuhalten oder ausgeschlossen zu
werden.
Späte voroperatorische Phase bzw. Übergang zum
konkret-operatorischen Denken; Perspektivenübernahme
wird differenzierter, Überzeugungen über Überzeugungen
können verstanden werden.
Tod als endgültiges Ende des Lebens und
der Körperfunktionen.
Ab 12 Jahren
Autonomie und Peers gewinnen an
Bedeutung; Angst vor Zukunft, Krieg,
Ausgrenzung und innerer Unsicherheit.
Formal-operatorisches Denken: abstraktes,
hypothetisches und systematisches Denken; im
Jugendalter wird eine weiter ausdifferenzierte
Perspektivenübernahme möglich.
Individuelle Todesvorstellungen;
Auseinandersetzung mit Sinnfragen und
Unbekanntem.
Hinweis:
Die Zuordnungen sind verdichtet. Sie verbinden die im Seminar
verwendeten Aspekte der Ich- und Beziehungsentwicklung, Piagets
Stadien der kognitiven Entwicklung, ausgewählte
Entwicklungsschritte der Theory of Mind sowie Formen des
Todesverständnisses. Übergänge sind in der Entwicklung nicht
immer trennscharf.
Quellenverweis:
Wälte, D., Borg-Laufs, M. & Brückner, B. (2019). Psychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit (Grundwissen
Soziale Arbeit, Band 2, 2., erweiterte und überarbeitete Auflage). Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.
Senckel, B. (2010). Mit geistig Behinderten leben und arbeiten. Eine entwicklungspsychologische Einführung
(9., durchges. Aufl.). München: Beck. (Handout in Anlehnung an B. Jagoschinski / Stand Juli 2019).
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Matrikelnr.:


Prüfungsteil
Fallbeispiel
Die Sozialarbeiterin einer kommunalen Beratungsstelle für Wohnungssicherung und psychosoziale
Unterstützung lernt Frau Lenz, 34 Jahre, kennen. Frau Lenz hat einen Termin vereinbart, weil ihr nach
mehreren Mietrückständen die Kündigung der Wohnung angekündigt wurde. Sie lebt mit ihrem Sohn
Emil, 4 Jahre, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Seit einigen Wochen übernachtet Emil häufiger bei der
Großmutter, Frau Krüger, 61 Jahre, weil Frau Lenz „erst einmal alles sortieren“ müsse.
Frau Lenz arbeitete bis vor einem Jahr in der Küche eines großen Hotels. Nach einer Umstrukturierung
verlor sie ihre Stelle. Zunächst bewarb sie sich aktiv, zog sich dann aber zunehmend zurück. Briefe vom
Vermieter, vom Jobcenter und von der Krankenkasse öffnet sie oft erst nach mehreren Tagen oder gar
nicht. Sie sagt: „Wenn ich den Umschlag sehe, wird mir heiß. Dann lege ich ihn in die Schublade. Für den
Moment ist es dann weg.“ Gleichzeitig weiß sie, dass sich dadurch neue Probleme ergeben.
Im Gespräch berichtet Frau Lenz, dass sie in ihrer Kindheit mehrfach mit ihrer Mutter umziehen musste.
Der Vater verließ die Familie, als sie acht Jahre alt war; danach gab es nur unregelmäßigen Kontakt. Frau
Lenz sagt: „Ich habe früh gelernt, dass man sich auf niemanden verlassen sollte.“ Ihre Mutter beschreibt
sie als „immer irgendwie da, aber schnell überfordert“. Heute hilft Frau Krüger viel, wirft ihrer Tochter aber
zugleich vor, „zu empfindlich“ zu sein und „sich gehen zu lassen“. Frau Lenz erlebt diese Hilfe als
ambivalent: „Ohne sie geht es nicht. Aber wenn sie da ist, fühle ich mich wieder wie ein Kind.“
Emil fragt in letzter Zeit häufig, ob er „bei Mama bleiben darf“ oder ob er „wieder zur Oma muss“. In der
Kita wirkt er nach Angaben der Erzieherin anhänglicher als früher, schläft dort beim Mittagsschlaf
schlechter ein und wird schnell wütend, wenn andere Kinder ihm Spielzeug wegnehmen. Frau Lenz sagt:
„Ich merke, dass er was mitbekommt. Aber ich will nicht, dass er Angst hat.“ Wenn Emil weint, reagiert sie
manchmal sehr fürsorglich, manchmal gereizt: „Ich kann dann einfach nichts mehr hören.“ Danach hat sie
Schuldgefühle.
Frau Lenz selbst beschreibt starke Stimmungsschwankungen. An manchen Tagen „funktioniere“ sie: Sie
räumt auf, telefoniert, macht Listen und nimmt sich vor, alles zu klären. An anderen Tagen bleibt sie lange
im Bett, schaut Serien auf dem Handy und meidet Kontakte. Wenn die Großmutter nachfragt, ob sie
Briefe geöffnet oder beim Jobcenter angerufen habe, antwortet Frau Lenz gereizt oder legt auf. Später
schämt sie sich dafür. Sie sagt: „Ich will nicht so sein. Aber wenn alle Druck machen, mache ich dicht.“
Vor zwei Monaten begann Frau Lenz eine Maßnahme zur beruflichen Wiedereingliederung. Anfangs ging
sie regelmäßig hin und erzählte, dass ihr das gemeinsame Kochen in der Gruppe guttue. Nachdem eine
Kursleitung sie vor anderen darauf hinwies, dass sie wieder zu spät gekommen sei, blieb sie mehrfach
fern. Frau Lenz sagt dazu: „Dann wissen wieder alle, dass ich es nicht hinkriege.“ Die Kursleitung meldete
der Beratungsstelle zurück, Frau Lenz sei „unzuverlässig“ und müsse „mehr Eigenmotivation zeigen“.
Frau Krüger ruft die Beratungsstelle an und sagt, sie mache sich große Sorgen um Emil und ihre Tochter.
Sie möchte „am liebsten alles übernehmen“, fühlt sich aber selbst erschöpft. Sie berichtet, sie habe seit
Monaten kaum noch Zeit für ihren Partner und schlafe schlecht, weil sie nachts darüber nachdenke, ob
Frau Lenz wieder eine Krise bekomme. Zugleich sagt sie: „Ich kann Emil doch nicht im Stich lassen.“
Frau Lenz hatte in der Vergangenheit bereits Kontakt zu psychiatrischen und psychosozialen Hilfen.
Einen stationären Aufenthalt vor einigen Jahren beschreibt sie als belastend: „Da wurde viel über mich
geredet, aber wenig mit mir.“ Sie möchte nicht, dass „wieder jemand eine Diagnose aus mir macht“.
Gleichzeitig sagt sie am Ende des Gesprächs: „Vielleicht brauche ich Hilfe. Aber ich will verstehen, was
passiert, und ich will selbst mitentscheiden.“
Die Sozialarbeiterin nimmt wahr, dass Frau Lenz in mehreren Spannungsfeldern steht: Sie möchte
selbstständig sein, braucht aber Unterstützung. Sie möchte Emil schützen, ist aber selbst stark belastet.
Sie meidet Briefe, Termine und Bewertungen, obwohl diese Vermeidung kurzfristig entlastet und
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Matrikelnr.:


langfristig neue Risiken erzeugt. In der Familie verbinden sich Sorge, Kontrolle, Schuld und Scham.
Zugleich gibt es Ressourcen: Frau Lenz hat den Beratungstermin selbst vereinbart, sie kann ihr Erleben
differenziert beschreiben, sie hat Freude am Kochen, Emil hat eine Beziehung zu Mutter und Großmutter,
und Frau Krüger ist trotz Erschöpfung unterstützungsbereit.
Aufgabe 1: Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie
Operatoren: erläutern, einordnen, analysieren
Punkte: 12 Punkte
Analysieren Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie.
Beziehen Sie Frau Lenz und Emil ein; Frau Krüger kann ergänzend berücksichtigt werden.
Bearbeiten Sie:
•
a) eine entwicklungspsychologische Einordnung von Emil anhand der bereitgestellten Tabelle,
•
b) eine entwicklungspsychologische Einordnung von Frau Lenz im Erwachsenenalter,
•
c) zwei bindungsrelevante Aspekte im Fall,
•
d) eine Schlussfolgerung für die Aufgaben Sozialer Arbeit.
Bepunktung:
•
entwicklungspsychologische Einordnung von Emil: 3 Punkte
•
entwicklungspsychologische Einordnung von Frau Lenz: 3 Punkte
•
zwei bindungsrelevante Aspekte mit Fallbezug: je 2 Punkte = 4 Punkte
•
Schlussfolgerung für Soziale Arbeit: 2 Punkte
Aufgabe 2: Emotionen und Bedürfnistheorie nach Grawe
Operatoren: beschreiben, erläutern, analysieren
Punkte: 12 Punkte
Analysieren Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf Emotionen und die vier psychischen Grundbedürfnisse
nach Grawe.
Bearbeiten Sie:
•
a) drei zentrale Emotionen im Fall, jeweils mit konkretem Fallbezug,
•
b) drei psychische Grundbedürfnisse nach Grawe, die im Fall belastet oder bedroht sein könnten,
•
c) die Bedeutung dieser Emotionen und Bedürfnisse für das Verhalten von Frau Lenz.
Bepunktung:
•
drei zentrale Emotionen mit Fallbezug: je 1 Punkt = 3 Punkte
•
drei Grundbedürfnisse nach Grawe korrekt benannt und fallbezogen erläutert: je 2 Punkte = 6 Punkte
•
Analyse der Bedeutung für das Verhalten von Frau Lenz: 3 Punkte
Aufgabe 3: Lernen und kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung
Operatoren: erläutern, analysieren, ableiten
Punkte: 12 Punkte
Analysieren Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf Lernen und die kognitiv-verhaltensorientierte
Grundorientierung.
Bearbeiten Sie:
•
a) zwei Lernprozesse, die problematische Verhaltensmuster stabilisieren können,
•
b) eine fallbezogene Anwendung des ABC-Modells oder einer vergleichbaren kognitiv-
verhaltensorientierten Analyse,
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Matrikelnr.:


•
c) zwei mögliche sozialarbeiterische Unterstützungsansätze, die aus dieser Perspektive abgeleitet werden
können.
Bepunktung:
•
zwei Lernprozesse fallbezogen analysiert: je 3 Punkte = 6 Punkte
•
ABC-Modell oder vergleichbare Analyse: 4 Punkte
•
zwei abgeleitete Unterstützungsansätze: je 1 Punkt = 2 Punkte
Aufgabe 4: Psychische Probleme, psychische Störungen und
sozialpsychiatrische Perspektive nach Dörr
Operatoren: beschreiben, einordnen, reflektieren
Punkte: 12 Punkte
Ordnen Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf psychische Probleme, psychische Störungen und eine
sozialpsychiatrische Perspektive nach Margret Dörr ein. Fragen Sie keine einzelnen Störungsbilder ab
und stellen Sie keine Diagnose.
Bearbeiten Sie:
•
a) beobachtbare Hinweise auf psychische Belastung oder Krisenerfahrung bei Frau Lenz,
•
b) eine fachliche Abgrenzung zwischen Beobachtung, Hypothese und Diagnose,
•
c) die Bedeutung von Teilhabe, Selbstbestimmung, Machtkritik und dialogischer Beziehungsgestaltung im
Sinne der Sozialpsychiatrie.
Bepunktung:
•
beobachtbare Hinweise auf psychische Belastung oder Krisenerfahrung: 3 Punkte
•
Abgrenzung Beobachtung – Hypothese – Diagnose: 3 Punkte
•
Einbezug der sozialpsychiatrischen Perspektive nach Dörr: 4 Punkte
•
fallbezogene Reflexion von Selbstbestimmung, Teilhabe und Machtasymmetrien: 2 Punkte
Aufgabe 5: Vier Grundorientierungen und Aufgaben Sozialer Arbeit
Operatoren: erläutern, vergleichen, ableiten, reflektieren
Punkte: 12 Punkte
Ordnen Sie den Fall ausdrücklich den vier Grundorientierungen zu und leiten Sie Aufgaben Sozialer
Arbeit ab.
Bearbeiten Sie:
•
a) je einen fallbezogenen Verstehenszugang aus zwei der vier Grundorientierungen: psychoanalytisch,
kognitiv-verhaltensorientiert, humanistisch, systemisch,
•
b) eine vergleichende Einordnung: Was wird durch die gewählten Perspektiven sichtbar, was bleibt
begrenzt?
•
c) zwei fachlich begründete Aufgaben Sozialer Arbeit einschließlich fachlicher Grenzen.
Bepunktung:
•
zwei Grundorientierungen korrekt und fallbezogen erläutert: je 3 Punkte = 6 Punkte
•
vergleichende Einordnung von Möglichkeiten und Grenzen: 2 Punkte
•
zwei passende Aufgaben Sozialer Arbeit: je 1,5 Punkte = 3 Punkte
•
fachliche Grenzen Sozialer Arbeit reflektiert: 1 Punkt


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HINWEISE / MUSTERLÖSUNG / ERWARTUNGSHORIZONT
Die folgenden Punkte beschreiben mögliche Lösungselemente. Gleichwertige fachlich begründete
Antworten werden anerkannt, wenn Sie fallbezogen, begrifflich korrekt und im Rahmen der
Aufgabenstellung argumentieren.
zu Aufgabe 1: Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie
Einordnung von Emil im Vorschulalter ein. Entwicklungspsychologisch relevant sind zunehmende
sprachliche und emotionale Differenzierung, Bedürfnis nach verlässlichen Bezugspersonen, Übergänge
zwischen Familie und Kita sowie die Verarbeitung von Trennung und Unsicherheit. Emils Fragen, ob er
bei der Mutter bleiben darf oder wieder zur Großmutter muss, können als Ausdruck von Verunsicherung
und erhöhtem Sicherheitsbedürfnis verstanden werden. Sein anhängliches Verhalten, Schlafprobleme in
der Kita und Wut bei Konflikten können auf Belastung und eingeschränkte Emotionsregulation hinweisen,
ohne daraus eine Störung abzuleiten.
Frau Lenz kann im Erwachsenenalter mit Bezug auf Selbstständigkeit, Elternschaft, Erwerbsbiografie,
Wohnungssicherung und Verantwortung für das Kind eingeordnet werden. Der Verlust der Arbeit, die
drohende Wohnungskündigung und die Abhängigkeit von der Mutter betreffen zentrale Entwicklungs- und
Übergangsthemen des Erwachsenenalters: eigenständige Lebensführung, materielle Sicherung, soziale
Teilhabe und verantwortliche Elternschaft.
Bindungsrelevant sind erstens die früheren Erfahrungen von Frau Lenz: häufige Umzüge, unregelmäßiger
Kontakt zum Vater und die Beschreibung, sich auf niemanden verlassen zu können. Diese Erfahrungen
können ihr aktuelles Vertrauen in Unterstützung beeinflussen. Zweitens ist die Beziehung zwischen Frau
Lenz und Emil relevant: Frau Lenz möchte Emil schützen, reagiert aber aufgrund eigener Belastung
wechselhaft fürsorglich oder gereizt. Drittens kann die Beziehung zur Mutter als ambivalent analysiert
werden: Hilfe und Kontrolle liegen eng beieinander.
Für Soziale Arbeit folgt daraus, dass Unterstützung nicht nur auf die materielle Problemlage reduziert
werden darf. Erforderlich sind verlässliche Beziehungsgestaltung, Transparenz, Stabilisierung von
Alltagsstrukturen, Schutz von Emil vor nicht altersangemessener Belastung und eine respektvolle Klärung
von Unterstützungsrollen innerhalb der Familie.
zu Aufgabe 2: Emotionen und Bedürfnistheorie nach Grawe
Zentrale Emotionen im Fall sind Angst, Scham, Schuld, Überforderung, Ärger, Hilflosigkeit und Sorge.
Angst zeigt sich beispielsweise beim Anblick von Briefen und in der drohenden Wohnungsunsicherheit.
Scham ist erkennbar, wenn Frau Lenz nach dem Hinweis in der Maßnahme fernbleibt und sagt, nun
wüssten alle, dass sie es nicht hinkriege. Schuldgefühle entstehen im Umgang mit Emil, wenn sie gereizt
reagiert. Ärger zeigt sich in Gesprächen mit der Mutter, wenn Nachfragen als Druck erlebt werden.
Nach Grawe sind mehrere Grundbedürfnisse belastet. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle ist
durch Mietrückstände, Behördenpost, unklare existenzielle Perspektive und drohenden Wohnungsverlust
bedroht. Das Bindungsbedürfnis ist durch frühere Verlässlichkeitserfahrungen, ambivalente Mutter-
Tochter-Beziehung und Emils Unsicherheit betroffen. Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sind
relevant, weil Frau Lenz Bewertungen als Beschämung erlebt und sich als scheiternd wahrnimmt.
Lustgewinn und Unlustvermeidung zeigen sich im Rückzug, Serien schauen und Nichtöffnen der Post,
wodurch kurzfristig Anspannung reduziert wird.
Die Emotionen und Bedürfnisse beeinflussen das Verhalten von Frau Lenz: Je stärker sie Druck,
Beschämung und Kontrollverlust erlebt, desto eher vermeidet sie Kontakte, Post und Termine. Diese
Vermeidung schützt kurzfristig vor Angst und Scham, verstärkt langfristig aber Wohnungsrisiko,
Abhängigkeit und Selbstabwertung.
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zu Aufgabe 3: Lernen und kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung
Lernpsychologisch zentral ist die negative Verstärkung von Vermeidung: Wenn Frau Lenz Briefe nicht
öffnet, sinkt ihre Anspannung kurzfristig. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie künftig wieder
vermeidet. Langfristig werden jedoch Mietrückstände, Fristen und Druck verstärkt. Ein zweiter
Lernprozess betrifft beschämende Bewertungserfahrungen: Nach der öffentlichen Kritik in der Maßnahme
bleibt Frau Lenz fern. Das Fernbleiben verhindert kurzfristig erneute Beschämung, stabilisiert aber die
Annahme, Anforderungen nicht bewältigen zu können.
Eine kognitiv-verhaltensorientierte Analyse kann beispielsweise mit dem ABC-Modell erfolgen: A = Brief
vom Vermieter liegt im Briefkasten. B = Bewertung: „Jetzt kommt wieder etwas, das ich nicht schaffe;
dann verliere ich die Wohnung und alle sehen, dass ich versage.“ C = emotionale und
verhaltensbezogene Konsequenz: Angst, Hitzegefühl, Scham, Weglegen des Briefs, kurzfristige
Erleichterung, langfristige Eskalation. Ein zweites Beispiel: A = Kursleitung kritisiert Zuspätkommen vor
anderen. B = „Alle wissen jetzt, dass ich es nicht hinkriege.“ C = Scham, Rückzug, Fernbleiben von der
Maßnahme.
Aus dieser Perspektive können sozialarbeiterische Unterstützungsansätze abgeleitet werden:
kleinschrittige Strukturierung der Postbearbeitung, gemeinsame Priorisierung von Fristen, Verabredung
eines realistischen ersten Handlungsschritts, Entschärfung beschämender Situationen, Vorbereitung auf
Behördengespräche, Ressourcenaktivierung über Kochen und alltagsnahe Erfolgserfahrungen. Wichtig
ist, diese Ansätze nicht technizistisch einzusetzen, sondern beteiligungsorientiert und nicht beschämend
zu gestalten.
zu Aufgabe 4: Psychische Probleme, psychische Störungen und
sozialpsychiatrische Perspektive nach Dörr
Beobachtbare Hinweise auf psychische Belastung sind Rückzug, starke Überforderung bei Briefen,
Stimmungsschwankungen, Vermeidung von Terminen, langes Liegenbleiben, Scham, Schuldgefühle,
Gereiztheit, belastende Erfahrungen mit früheren Hilfen und Angst vor Diagnostisierung. Diese Hinweise
erlauben keine Diagnose. Fachlich angemessen ist die Formulierung von Hypothesen, zum Beispiel, dass
frühere Erfahrungen von Fremdbestimmung und Beschämung aktuelle Hilfekontakte erschweren können.
Die Abgrenzung lautet: Beobachtbar ist, dass Frau Lenz Briefe vermeidet, Termine nicht wahrnimmt und
Belastung beschreibt. Eine Hypothese ist, dass Vermeidung kurzfristig entlastet und mit Angst vor
Beschämung verbunden ist. Eine Diagnose darf aus diesen Angaben nicht gestellt werden; sie wäre
Aufgabe entsprechend qualifizierter medizinischer oder psychotherapeutischer Fachstellen und setzt
diagnostische Verfahren voraus.
Die sozialpsychiatrische Perspektive nach Dörr ist relevant, weil psychisches Leiden nicht
individualisierend verengt werden soll. Dörr beschreibt Sozialpsychiatrie als gesellschaftskritische,
ethisch-normative Denk-, Handlungs- und Beziehungspraxis, die psychisches Leiden in sozialen Bezügen
betrachtet und soziale Integration auf einer machtkritischen sowie partizipativ-dialogischen Grundlage
anstrebt. Für den Fall bedeutet dies: Frau Lenz ist nicht nur als „unzuverlässig“ oder „krank“ zu
betrachten, sondern in ihrer Lebenspraxis, ihren Teilhabechancen, ihren Macht- und
Abhängigkeitserfahrungen, ihrer Wohnungsnot, ihrer Elternrolle und ihren Erfahrungen mit Hilfesystemen.
Selbstbestimmung, Teilhabe und Machtkritik bedeuten im Fall, dass Unterstützung transparent,
freiwilligkeitsorientiert und dialogisch erfolgen sollte. Fachkräfte sollten nicht über Frau Lenz hinweg
planen, sondern gemeinsam mit ihr klären, welche Schritte sie selbst mitentscheiden und bewältigen
kann. Zugleich müssen Risiken für Emil und die Wohnungssicherung ernst genommen werden.
Sozialarbeiterisch relevant ist eine Balance zwischen Schutz, Unterstützung, Partizipation und klarer
Verantwortung.
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zu Aufgabe 5: Vier Grundorientierungen und Aufgaben Sozialer Arbeit
Die psychoanalytische Grundorientierung kann sichtbar machen, wie frühe Beziehungserfahrungen,
Scham, Schuld, Abwehr und Übertragungserwartungen aktuelle Hilfekontakte prägen. Frau Lenz könnte
Fachkräfte schnell als bewertend oder kontrollierend erleben, auch wenn diese Unterstützung anbieten.
Begrenzung: Eine ausschließlich psychoanalytische Perspektive könnte konkrete existenzielle Aufgaben
wie Fristen, Mietschulden und Behördenkommunikation zu wenig berücksichtigen.
Die kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung macht Vermeidungsverhalten, kurzfristige Entlastung,
Bewertungen und Verstärkung sichtbar. Sie kann helfen, Post, Termine und Maßnahmekontakte
kleinschrittig bearbeitbar zu machen. Begrenzung: Eine zu enge Fokussierung auf Verhaltenstechniken
könnte soziale Notlagen, Machtverhältnisse und Beschämungserfahrungen unterschätzen.
Die humanistische Grundorientierung betont Beziehung als Intervention, Empathie, Kongruenz,
Wertschätzung und Selbstexploration. Für Frau Lenz ist bedeutsam, nicht auf Defizite reduziert zu werden
und eigene Deutungen einbringen zu können. Begrenzung: Beziehung allein löst die akute Wohnungs-
und Existenzsicherung nicht.
Die systemische Grundorientierung macht Wechselwirkungen zwischen Frau Lenz, Emil, Frau Krüger,
Kita, Vermieter, Jobcenter, Maßnahme und Beratungsstelle sichtbar. Zirkuläre Fragen,
Ressourcenorientierung und nichtwissende Haltung können helfen, festgefahrene Zuschreibungen zu
lösen. Begrenzung: Eine rein systemische Perspektive darf individuelle psychische Belastung und
Schutzbedarfe nicht relativieren.
Drei fachlich begründete Aufgaben Sozialer Arbeit können sein: erstens akute Wohnungssicherung und
Priorisierung von Fristen, Post und Kontakten zu Vermieter und Jobcenter; zweitens psychosoziale
Stabilisierung durch transparente, nicht beschämende Beziehungsgestaltung und kleinschrittige
Handlungsplanung; drittens Klärung der familiären Unterstützungsrollen, damit Emil entlastet wird und
Frau Krügers Unterstützung nicht in Überforderung oder Kontrolle kippt. Ergänzend sind Kooperationen
mit Schuldnerberatung, Jobcenter, Kita, Familienberatung, psychosozialen oder sozialpsychiatrischen
Diensten und gegebenenfalls medizinischen oder psychotherapeutischen Stellen möglich.
Die Grenzen Sozialer Arbeit liegen insbesondere in medizinischer Diagnostik und Psychotherapie.
Sozialarbeitende können psychische Belastungen wahrnehmen, ansprechen, sozial einordnen,
Ressourcen aktivieren, Teilhabe fördern, Hilfen koordinieren und weitervermitteln. Sie sollten weder
vorschnell pathologisieren noch Risiken bagatellisieren.


