Seite 1 von 8 Matrikelnr.: Übungsklausur – Psychologische Grundlagen Sozialer Arbeit Bearbeitungszeit 60 Minuten Gesamtpunktzahl 60 Punkte Hinweise zur Bearbeitung • Bearbeiten Sie alle Aufgaben. Die Themenzuordnung ist in jeder Aufgabe ausdrücklich angegeben. • Formulieren Sie fallbezogen. Allgemeine Definitionen allein reichen nicht aus. • Begründen Sie konkret und vermeiden Sie „Worthülsen“. • Es geht nicht um klinische Diagnosestellung. Unterscheiden Sie Beobachtung, fachliche Hypothese und Diagnose. • Nutzen Sie die Tabelle zur Entwicklungspsychologie für die alters- und entwicklungsbezogene Einordnung. • Beziehen Sie die Aufgaben Sozialer Arbeit auf Beratung, Beziehungsgestaltung, Ressourcenaktivierung, Koordination, Teilhabe, Schutz und Grenzen des eigenen fachlichen Handelns. Operatoren in dieser Klausur Operator Bedeutung für die Bearbeitung nennen Fachlich passende Aspekte knapp anführen, ohne ausführliche Begründung. beschreiben Einen Sachverhalt mit Fallbezug nachvollziehbar darstellen. erläutern Einen Zusammenhang erklären und mit Fallinformationen verdeutlichen. einordnen Eine Fallinformation einem fachlichen Konzept, Entwicklungsabschnitt oder theoretischen Zugang zuweisen und diese Zuordnung begründen. analysieren Fallinformationen systematisch untersuchen, Zusammenhänge herausarbeiten und fachlich begründete Schlussfolgerungen bilden. vergleichen Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Perspektiven herausarbeiten. ableiten Aus der Analyse begründete Aufgaben, Handlungsschritte oder fachliche Konsequenzen entwickeln. reflektieren Voraussetzungen, Grenzen, Ambivalenzen und mögliche Folgen des fachlichen Handelns kritisch berücksichtigen. Seite 2 von 8 Matrikelnr.: Tabelle zur Entwicklungspsychologie Alter Ich- und Beziehungsentwicklung / Ängste Kognitive Entwicklung (Piaget / Theory of Mind) Todesverständnis Bis 6 Monate Enge Verbundenheit mit der Bezugsperson; Angst vor Wegsein, Schmerz, Hunger und unbekannten Reizen. Frühe sensumotorische Phase: Wahrnehmung, Reflexe und erste aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt stehen im Vordergrund. Noch kein Todesbegriff; existenzielle Bedrohung bei Wegsein der Bezugsperson. 6–18 Monate Zunehmend eigenständig; Bezugsperson als sicherer Hafen; Angst vor Trennung und Verlust von Vertrautem. Weitere sensumotorische Entwicklung: Erkundung von Objekten, zielgerichteteres Handeln; im 1. Lebensjahr werden erste Handlungsziele anderer Personen erkannt. Kein Todesverständnis; Fehlendes wird gesucht, Trennung löst Existenzangst aus. Ab 18/24 Monaten Eigener Wille; Sicherheit durch Zugehörigkeit; Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Übergang von der späten sensumotorischen Phase zu frühen symbolischen Denkformen; Kinder beginnen zu verstehen, dass andere Menschen andere Wünsche haben können. Kein ausgereiftes Todesverständnis; Bindung und Trennung stehen im Vordergrund. Ab 3 Jahren Gruppenbezug wächst; Angst vor Ablehnung, Hexen, Drachen und Gewitter. Voroperatorisches Denken: Egozentrismus, animistische und finalistische Erklärungen, noch keine Mengeninvarianz; um ca. 4 Jahre wird das Verständnis eines falschen Glaubens möglich. Tod als Schlaf, Reise oder vorübergehender Zustand; magisches Denken. Ab 6 Jahren Leistungs- und Freundschaftsbezug; Angst, nicht mitzuhalten oder ausgeschlossen zu werden. Späte voroperatorische Phase bzw. Übergang zum konkret-operatorischen Denken; Perspektivenübernahme wird differenzierter, Überzeugungen über Überzeugungen können verstanden werden. Tod als endgültiges Ende des Lebens und der Körperfunktionen. Ab 12 Jahren Autonomie und Peers gewinnen an Bedeutung; Angst vor Zukunft, Krieg, Ausgrenzung und innerer Unsicherheit. Formal-operatorisches Denken: abstraktes, hypothetisches und systematisches Denken; im Jugendalter wird eine weiter ausdifferenzierte Perspektivenübernahme möglich. Individuelle Todesvorstellungen; Auseinandersetzung mit Sinnfragen und Unbekanntem. Hinweis: Die Zuordnungen sind verdichtet. Sie verbinden die im Seminar verwendeten Aspekte der Ich- und Beziehungsentwicklung, Piagets Stadien der kognitiven Entwicklung, ausgewählte Entwicklungsschritte der Theory of Mind sowie Formen des Todesverständnisses. Übergänge sind in der Entwicklung nicht immer trennscharf. Quellenverweis: Wälte, D., Borg-Laufs, M. & Brückner, B. (2019). Psychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit (Grundwissen Soziale Arbeit, Band 2, 2., erweiterte und überarbeitete Auflage). Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer. Senckel, B. (2010). Mit geistig Behinderten leben und arbeiten. Eine entwicklungspsychologische Einführung (9., durchges. Aufl.). München: Beck. (Handout in Anlehnung an B. Jagoschinski / Stand Juli 2019). Seite 3 von 8 Matrikelnr.: Prüfungsteil Fallbeispiel Die Sozialarbeiterin einer kommunalen Beratungsstelle für Wohnungssicherung und psychosoziale Unterstützung lernt Frau Lenz, 34 Jahre, kennen. Frau Lenz hat einen Termin vereinbart, weil ihr nach mehreren Mietrückständen die Kündigung der Wohnung angekündigt wurde. Sie lebt mit ihrem Sohn Emil, 4 Jahre, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Seit einigen Wochen übernachtet Emil häufiger bei der Großmutter, Frau Krüger, 61 Jahre, weil Frau Lenz „erst einmal alles sortieren“ müsse. Frau Lenz arbeitete bis vor einem Jahr in der Küche eines großen Hotels. Nach einer Umstrukturierung verlor sie ihre Stelle. Zunächst bewarb sie sich aktiv, zog sich dann aber zunehmend zurück. Briefe vom Vermieter, vom Jobcenter und von der Krankenkasse öffnet sie oft erst nach mehreren Tagen oder gar nicht. Sie sagt: „Wenn ich den Umschlag sehe, wird mir heiß. Dann lege ich ihn in die Schublade. Für den Moment ist es dann weg.“ Gleichzeitig weiß sie, dass sich dadurch neue Probleme ergeben. Im Gespräch berichtet Frau Lenz, dass sie in ihrer Kindheit mehrfach mit ihrer Mutter umziehen musste. Der Vater verließ die Familie, als sie acht Jahre alt war; danach gab es nur unregelmäßigen Kontakt. Frau Lenz sagt: „Ich habe früh gelernt, dass man sich auf niemanden verlassen sollte.“ Ihre Mutter beschreibt sie als „immer irgendwie da, aber schnell überfordert“. Heute hilft Frau Krüger viel, wirft ihrer Tochter aber zugleich vor, „zu empfindlich“ zu sein und „sich gehen zu lassen“. Frau Lenz erlebt diese Hilfe als ambivalent: „Ohne sie geht es nicht. Aber wenn sie da ist, fühle ich mich wieder wie ein Kind.“ Emil fragt in letzter Zeit häufig, ob er „bei Mama bleiben darf“ oder ob er „wieder zur Oma muss“. In der Kita wirkt er nach Angaben der Erzieherin anhänglicher als früher, schläft dort beim Mittagsschlaf schlechter ein und wird schnell wütend, wenn andere Kinder ihm Spielzeug wegnehmen. Frau Lenz sagt: „Ich merke, dass er was mitbekommt. Aber ich will nicht, dass er Angst hat.“ Wenn Emil weint, reagiert sie manchmal sehr fürsorglich, manchmal gereizt: „Ich kann dann einfach nichts mehr hören.“ Danach hat sie Schuldgefühle. Frau Lenz selbst beschreibt starke Stimmungsschwankungen. An manchen Tagen „funktioniere“ sie: Sie räumt auf, telefoniert, macht Listen und nimmt sich vor, alles zu klären. An anderen Tagen bleibt sie lange im Bett, schaut Serien auf dem Handy und meidet Kontakte. Wenn die Großmutter nachfragt, ob sie Briefe geöffnet oder beim Jobcenter angerufen habe, antwortet Frau Lenz gereizt oder legt auf. Später schämt sie sich dafür. Sie sagt: „Ich will nicht so sein. Aber wenn alle Druck machen, mache ich dicht.“ Vor zwei Monaten begann Frau Lenz eine Maßnahme zur beruflichen Wiedereingliederung. Anfangs ging sie regelmäßig hin und erzählte, dass ihr das gemeinsame Kochen in der Gruppe guttue. Nachdem eine Kursleitung sie vor anderen darauf hinwies, dass sie wieder zu spät gekommen sei, blieb sie mehrfach fern. Frau Lenz sagt dazu: „Dann wissen wieder alle, dass ich es nicht hinkriege.“ Die Kursleitung meldete der Beratungsstelle zurück, Frau Lenz sei „unzuverlässig“ und müsse „mehr Eigenmotivation zeigen“. Frau Krüger ruft die Beratungsstelle an und sagt, sie mache sich große Sorgen um Emil und ihre Tochter. Sie möchte „am liebsten alles übernehmen“, fühlt sich aber selbst erschöpft. Sie berichtet, sie habe seit Monaten kaum noch Zeit für ihren Partner und schlafe schlecht, weil sie nachts darüber nachdenke, ob Frau Lenz wieder eine Krise bekomme. Zugleich sagt sie: „Ich kann Emil doch nicht im Stich lassen.“ Frau Lenz hatte in der Vergangenheit bereits Kontakt zu psychiatrischen und psychosozialen Hilfen. Einen stationären Aufenthalt vor einigen Jahren beschreibt sie als belastend: „Da wurde viel über mich geredet, aber wenig mit mir.“ Sie möchte nicht, dass „wieder jemand eine Diagnose aus mir macht“. Gleichzeitig sagt sie am Ende des Gesprächs: „Vielleicht brauche ich Hilfe. Aber ich will verstehen, was passiert, und ich will selbst mitentscheiden.“ Die Sozialarbeiterin nimmt wahr, dass Frau Lenz in mehreren Spannungsfeldern steht: Sie möchte selbstständig sein, braucht aber Unterstützung. Sie möchte Emil schützen, ist aber selbst stark belastet. Sie meidet Briefe, Termine und Bewertungen, obwohl diese Vermeidung kurzfristig entlastet und Seite 4 von 8 Matrikelnr.: langfristig neue Risiken erzeugt. In der Familie verbinden sich Sorge, Kontrolle, Schuld und Scham. Zugleich gibt es Ressourcen: Frau Lenz hat den Beratungstermin selbst vereinbart, sie kann ihr Erleben differenziert beschreiben, sie hat Freude am Kochen, Emil hat eine Beziehung zu Mutter und Großmutter, und Frau Krüger ist trotz Erschöpfung unterstützungsbereit. Aufgabe 1: Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie Operatoren: erläutern, einordnen, analysieren Punkte: 12 Punkte Analysieren Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie. Beziehen Sie Frau Lenz und Emil ein; Frau Krüger kann ergänzend berücksichtigt werden. Bearbeiten Sie: • a) eine entwicklungspsychologische Einordnung von Emil anhand der bereitgestellten Tabelle, • b) eine entwicklungspsychologische Einordnung von Frau Lenz im Erwachsenenalter, • c) zwei bindungsrelevante Aspekte im Fall, • d) eine Schlussfolgerung für die Aufgaben Sozialer Arbeit. Bepunktung: • entwicklungspsychologische Einordnung von Emil: 3 Punkte • entwicklungspsychologische Einordnung von Frau Lenz: 3 Punkte • zwei bindungsrelevante Aspekte mit Fallbezug: je 2 Punkte = 4 Punkte • Schlussfolgerung für Soziale Arbeit: 2 Punkte Aufgabe 2: Emotionen und Bedürfnistheorie nach Grawe Operatoren: beschreiben, erläutern, analysieren Punkte: 12 Punkte Analysieren Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf Emotionen und die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe. Bearbeiten Sie: • a) drei zentrale Emotionen im Fall, jeweils mit konkretem Fallbezug, • b) drei psychische Grundbedürfnisse nach Grawe, die im Fall belastet oder bedroht sein könnten, • c) die Bedeutung dieser Emotionen und Bedürfnisse für das Verhalten von Frau Lenz. Bepunktung: • drei zentrale Emotionen mit Fallbezug: je 1 Punkt = 3 Punkte • drei Grundbedürfnisse nach Grawe korrekt benannt und fallbezogen erläutert: je 2 Punkte = 6 Punkte • Analyse der Bedeutung für das Verhalten von Frau Lenz: 3 Punkte Aufgabe 3: Lernen und kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung Operatoren: erläutern, analysieren, ableiten Punkte: 12 Punkte Analysieren Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf Lernen und die kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung. Bearbeiten Sie: • a) zwei Lernprozesse, die problematische Verhaltensmuster stabilisieren können, • b) eine fallbezogene Anwendung des ABC-Modells oder einer vergleichbaren kognitiv- verhaltensorientierten Analyse, Seite 5 von 8 Matrikelnr.: • c) zwei mögliche sozialarbeiterische Unterstützungsansätze, die aus dieser Perspektive abgeleitet werden können. Bepunktung: • zwei Lernprozesse fallbezogen analysiert: je 3 Punkte = 6 Punkte • ABC-Modell oder vergleichbare Analyse: 4 Punkte • zwei abgeleitete Unterstützungsansätze: je 1 Punkt = 2 Punkte Aufgabe 4: Psychische Probleme, psychische Störungen und sozialpsychiatrische Perspektive nach Dörr Operatoren: beschreiben, einordnen, reflektieren Punkte: 12 Punkte Ordnen Sie den Fall ausdrücklich mit Blick auf psychische Probleme, psychische Störungen und eine sozialpsychiatrische Perspektive nach Margret Dörr ein. Fragen Sie keine einzelnen Störungsbilder ab und stellen Sie keine Diagnose. Bearbeiten Sie: • a) beobachtbare Hinweise auf psychische Belastung oder Krisenerfahrung bei Frau Lenz, • b) eine fachliche Abgrenzung zwischen Beobachtung, Hypothese und Diagnose, • c) die Bedeutung von Teilhabe, Selbstbestimmung, Machtkritik und dialogischer Beziehungsgestaltung im Sinne der Sozialpsychiatrie. Bepunktung: • beobachtbare Hinweise auf psychische Belastung oder Krisenerfahrung: 3 Punkte • Abgrenzung Beobachtung – Hypothese – Diagnose: 3 Punkte • Einbezug der sozialpsychiatrischen Perspektive nach Dörr: 4 Punkte • fallbezogene Reflexion von Selbstbestimmung, Teilhabe und Machtasymmetrien: 2 Punkte Aufgabe 5: Vier Grundorientierungen und Aufgaben Sozialer Arbeit Operatoren: erläutern, vergleichen, ableiten, reflektieren Punkte: 12 Punkte Ordnen Sie den Fall ausdrücklich den vier Grundorientierungen zu und leiten Sie Aufgaben Sozialer Arbeit ab. Bearbeiten Sie: • a) je einen fallbezogenen Verstehenszugang aus zwei der vier Grundorientierungen: psychoanalytisch, kognitiv-verhaltensorientiert, humanistisch, systemisch, • b) eine vergleichende Einordnung: Was wird durch die gewählten Perspektiven sichtbar, was bleibt begrenzt? • c) zwei fachlich begründete Aufgaben Sozialer Arbeit einschließlich fachlicher Grenzen. Bepunktung: • zwei Grundorientierungen korrekt und fallbezogen erläutert: je 3 Punkte = 6 Punkte • vergleichende Einordnung von Möglichkeiten und Grenzen: 2 Punkte • zwei passende Aufgaben Sozialer Arbeit: je 1,5 Punkte = 3 Punkte • fachliche Grenzen Sozialer Arbeit reflektiert: 1 Punkt Seite 6 von 8 Matrikelnr.: HINWEISE / MUSTERLÖSUNG / ERWARTUNGSHORIZONT Die folgenden Punkte beschreiben mögliche Lösungselemente. Gleichwertige fachlich begründete Antworten werden anerkannt, wenn Sie fallbezogen, begrifflich korrekt und im Rahmen der Aufgabenstellung argumentieren. zu Aufgabe 1: Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie Einordnung von Emil im Vorschulalter ein. Entwicklungspsychologisch relevant sind zunehmende sprachliche und emotionale Differenzierung, Bedürfnis nach verlässlichen Bezugspersonen, Übergänge zwischen Familie und Kita sowie die Verarbeitung von Trennung und Unsicherheit. Emils Fragen, ob er bei der Mutter bleiben darf oder wieder zur Großmutter muss, können als Ausdruck von Verunsicherung und erhöhtem Sicherheitsbedürfnis verstanden werden. Sein anhängliches Verhalten, Schlafprobleme in der Kita und Wut bei Konflikten können auf Belastung und eingeschränkte Emotionsregulation hinweisen, ohne daraus eine Störung abzuleiten. Frau Lenz kann im Erwachsenenalter mit Bezug auf Selbstständigkeit, Elternschaft, Erwerbsbiografie, Wohnungssicherung und Verantwortung für das Kind eingeordnet werden. Der Verlust der Arbeit, die drohende Wohnungskündigung und die Abhängigkeit von der Mutter betreffen zentrale Entwicklungs- und Übergangsthemen des Erwachsenenalters: eigenständige Lebensführung, materielle Sicherung, soziale Teilhabe und verantwortliche Elternschaft. Bindungsrelevant sind erstens die früheren Erfahrungen von Frau Lenz: häufige Umzüge, unregelmäßiger Kontakt zum Vater und die Beschreibung, sich auf niemanden verlassen zu können. Diese Erfahrungen können ihr aktuelles Vertrauen in Unterstützung beeinflussen. Zweitens ist die Beziehung zwischen Frau Lenz und Emil relevant: Frau Lenz möchte Emil schützen, reagiert aber aufgrund eigener Belastung wechselhaft fürsorglich oder gereizt. Drittens kann die Beziehung zur Mutter als ambivalent analysiert werden: Hilfe und Kontrolle liegen eng beieinander. Für Soziale Arbeit folgt daraus, dass Unterstützung nicht nur auf die materielle Problemlage reduziert werden darf. Erforderlich sind verlässliche Beziehungsgestaltung, Transparenz, Stabilisierung von Alltagsstrukturen, Schutz von Emil vor nicht altersangemessener Belastung und eine respektvolle Klärung von Unterstützungsrollen innerhalb der Familie. zu Aufgabe 2: Emotionen und Bedürfnistheorie nach Grawe Zentrale Emotionen im Fall sind Angst, Scham, Schuld, Überforderung, Ärger, Hilflosigkeit und Sorge. Angst zeigt sich beispielsweise beim Anblick von Briefen und in der drohenden Wohnungsunsicherheit. Scham ist erkennbar, wenn Frau Lenz nach dem Hinweis in der Maßnahme fernbleibt und sagt, nun wüssten alle, dass sie es nicht hinkriege. Schuldgefühle entstehen im Umgang mit Emil, wenn sie gereizt reagiert. Ärger zeigt sich in Gesprächen mit der Mutter, wenn Nachfragen als Druck erlebt werden. Nach Grawe sind mehrere Grundbedürfnisse belastet. Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle ist durch Mietrückstände, Behördenpost, unklare existenzielle Perspektive und drohenden Wohnungsverlust bedroht. Das Bindungsbedürfnis ist durch frühere Verlässlichkeitserfahrungen, ambivalente Mutter- Tochter-Beziehung und Emils Unsicherheit betroffen. Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sind relevant, weil Frau Lenz Bewertungen als Beschämung erlebt und sich als scheiternd wahrnimmt. Lustgewinn und Unlustvermeidung zeigen sich im Rückzug, Serien schauen und Nichtöffnen der Post, wodurch kurzfristig Anspannung reduziert wird. Die Emotionen und Bedürfnisse beeinflussen das Verhalten von Frau Lenz: Je stärker sie Druck, Beschämung und Kontrollverlust erlebt, desto eher vermeidet sie Kontakte, Post und Termine. Diese Vermeidung schützt kurzfristig vor Angst und Scham, verstärkt langfristig aber Wohnungsrisiko, Abhängigkeit und Selbstabwertung. Seite 7 von 8 Matrikelnr.: zu Aufgabe 3: Lernen und kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung Lernpsychologisch zentral ist die negative Verstärkung von Vermeidung: Wenn Frau Lenz Briefe nicht öffnet, sinkt ihre Anspannung kurzfristig. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie künftig wieder vermeidet. Langfristig werden jedoch Mietrückstände, Fristen und Druck verstärkt. Ein zweiter Lernprozess betrifft beschämende Bewertungserfahrungen: Nach der öffentlichen Kritik in der Maßnahme bleibt Frau Lenz fern. Das Fernbleiben verhindert kurzfristig erneute Beschämung, stabilisiert aber die Annahme, Anforderungen nicht bewältigen zu können. Eine kognitiv-verhaltensorientierte Analyse kann beispielsweise mit dem ABC-Modell erfolgen: A = Brief vom Vermieter liegt im Briefkasten. B = Bewertung: „Jetzt kommt wieder etwas, das ich nicht schaffe; dann verliere ich die Wohnung und alle sehen, dass ich versage.“ C = emotionale und verhaltensbezogene Konsequenz: Angst, Hitzegefühl, Scham, Weglegen des Briefs, kurzfristige Erleichterung, langfristige Eskalation. Ein zweites Beispiel: A = Kursleitung kritisiert Zuspätkommen vor anderen. B = „Alle wissen jetzt, dass ich es nicht hinkriege.“ C = Scham, Rückzug, Fernbleiben von der Maßnahme. Aus dieser Perspektive können sozialarbeiterische Unterstützungsansätze abgeleitet werden: kleinschrittige Strukturierung der Postbearbeitung, gemeinsame Priorisierung von Fristen, Verabredung eines realistischen ersten Handlungsschritts, Entschärfung beschämender Situationen, Vorbereitung auf Behördengespräche, Ressourcenaktivierung über Kochen und alltagsnahe Erfolgserfahrungen. Wichtig ist, diese Ansätze nicht technizistisch einzusetzen, sondern beteiligungsorientiert und nicht beschämend zu gestalten. zu Aufgabe 4: Psychische Probleme, psychische Störungen und sozialpsychiatrische Perspektive nach Dörr Beobachtbare Hinweise auf psychische Belastung sind Rückzug, starke Überforderung bei Briefen, Stimmungsschwankungen, Vermeidung von Terminen, langes Liegenbleiben, Scham, Schuldgefühle, Gereiztheit, belastende Erfahrungen mit früheren Hilfen und Angst vor Diagnostisierung. Diese Hinweise erlauben keine Diagnose. Fachlich angemessen ist die Formulierung von Hypothesen, zum Beispiel, dass frühere Erfahrungen von Fremdbestimmung und Beschämung aktuelle Hilfekontakte erschweren können. Die Abgrenzung lautet: Beobachtbar ist, dass Frau Lenz Briefe vermeidet, Termine nicht wahrnimmt und Belastung beschreibt. Eine Hypothese ist, dass Vermeidung kurzfristig entlastet und mit Angst vor Beschämung verbunden ist. Eine Diagnose darf aus diesen Angaben nicht gestellt werden; sie wäre Aufgabe entsprechend qualifizierter medizinischer oder psychotherapeutischer Fachstellen und setzt diagnostische Verfahren voraus. Die sozialpsychiatrische Perspektive nach Dörr ist relevant, weil psychisches Leiden nicht individualisierend verengt werden soll. Dörr beschreibt Sozialpsychiatrie als gesellschaftskritische, ethisch-normative Denk-, Handlungs- und Beziehungspraxis, die psychisches Leiden in sozialen Bezügen betrachtet und soziale Integration auf einer machtkritischen sowie partizipativ-dialogischen Grundlage anstrebt. Für den Fall bedeutet dies: Frau Lenz ist nicht nur als „unzuverlässig“ oder „krank“ zu betrachten, sondern in ihrer Lebenspraxis, ihren Teilhabechancen, ihren Macht- und Abhängigkeitserfahrungen, ihrer Wohnungsnot, ihrer Elternrolle und ihren Erfahrungen mit Hilfesystemen. Selbstbestimmung, Teilhabe und Machtkritik bedeuten im Fall, dass Unterstützung transparent, freiwilligkeitsorientiert und dialogisch erfolgen sollte. Fachkräfte sollten nicht über Frau Lenz hinweg planen, sondern gemeinsam mit ihr klären, welche Schritte sie selbst mitentscheiden und bewältigen kann. Zugleich müssen Risiken für Emil und die Wohnungssicherung ernst genommen werden. Sozialarbeiterisch relevant ist eine Balance zwischen Schutz, Unterstützung, Partizipation und klarer Verantwortung. Seite 8 von 8 Matrikelnr.: zu Aufgabe 5: Vier Grundorientierungen und Aufgaben Sozialer Arbeit Die psychoanalytische Grundorientierung kann sichtbar machen, wie frühe Beziehungserfahrungen, Scham, Schuld, Abwehr und Übertragungserwartungen aktuelle Hilfekontakte prägen. Frau Lenz könnte Fachkräfte schnell als bewertend oder kontrollierend erleben, auch wenn diese Unterstützung anbieten. Begrenzung: Eine ausschließlich psychoanalytische Perspektive könnte konkrete existenzielle Aufgaben wie Fristen, Mietschulden und Behördenkommunikation zu wenig berücksichtigen. Die kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung macht Vermeidungsverhalten, kurzfristige Entlastung, Bewertungen und Verstärkung sichtbar. Sie kann helfen, Post, Termine und Maßnahmekontakte kleinschrittig bearbeitbar zu machen. Begrenzung: Eine zu enge Fokussierung auf Verhaltenstechniken könnte soziale Notlagen, Machtverhältnisse und Beschämungserfahrungen unterschätzen. Die humanistische Grundorientierung betont Beziehung als Intervention, Empathie, Kongruenz, Wertschätzung und Selbstexploration. Für Frau Lenz ist bedeutsam, nicht auf Defizite reduziert zu werden und eigene Deutungen einbringen zu können. Begrenzung: Beziehung allein löst die akute Wohnungs- und Existenzsicherung nicht. Die systemische Grundorientierung macht Wechselwirkungen zwischen Frau Lenz, Emil, Frau Krüger, Kita, Vermieter, Jobcenter, Maßnahme und Beratungsstelle sichtbar. Zirkuläre Fragen, Ressourcenorientierung und nichtwissende Haltung können helfen, festgefahrene Zuschreibungen zu lösen. Begrenzung: Eine rein systemische Perspektive darf individuelle psychische Belastung und Schutzbedarfe nicht relativieren. Drei fachlich begründete Aufgaben Sozialer Arbeit können sein: erstens akute Wohnungssicherung und Priorisierung von Fristen, Post und Kontakten zu Vermieter und Jobcenter; zweitens psychosoziale Stabilisierung durch transparente, nicht beschämende Beziehungsgestaltung und kleinschrittige Handlungsplanung; drittens Klärung der familiären Unterstützungsrollen, damit Emil entlastet wird und Frau Krügers Unterstützung nicht in Überforderung oder Kontrolle kippt. Ergänzend sind Kooperationen mit Schuldnerberatung, Jobcenter, Kita, Familienberatung, psychosozialen oder sozialpsychiatrischen Diensten und gegebenenfalls medizinischen oder psychotherapeutischen Stellen möglich. Die Grenzen Sozialer Arbeit liegen insbesondere in medizinischer Diagnostik und Psychotherapie. Sozialarbeitende können psychische Belastungen wahrnehmen, ansprechen, sozial einordnen, Ressourcen aktivieren, Teilhabe fördern, Hilfen koordinieren und weitervermitteln. Sie sollten weder vorschnell pathologisieren noch Risiken bagatellisieren.