6. Vorlesung: Motivation und Bedürfnis Grundverständnis Motivation ist ein innerer Zustand, der Verhalten:  aktiviert,  in eine bestimmte Richtung lenkt,  und aufrechterhält. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von:  überdauernden Eigenschaften (z. B. Leistungsmotiv, Prüfungsangst),  situativen Bedingungen (z. B. Anreize, Erfolgserwartung, soziale Unterstützung) Bedeutung für die Soziale Arbeit  Verhalten wirkt oft nicht „unmotiviert“, sondern ist Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse, negativer Erfahrungen oder fehlender Erfolgserwartungen Intrinsische und extrinsische Motivation Intrinsische Motivation Eine Tätigkeit wird ausgeführt, weil sie selbst interessant oder befriedigend ist Beispiele:  Lernen aus Neugier  Helfen aus Überzeugung Extrinsische Motivation Eine Tätigkeit wird ausgeführt, um Belohnungen zu erhalten oder negative Konsequenzen zu vermeiden Beispiele:  Lernen für eine gute Note  Teilnahme an Maßnahmen zur Vermeidung von Sanktionen Flow-Erleben (Mihaly Csikszentmihalyi) Bei hoher intrinsischer Motivation kann ein Flow-Zustand entstehen:  völlige Konzentration,  Selbstvergessenheit,  Gefühl von Kontrolle,  Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Lernziel- und Leistungszielorientierung Lernzielorientierung Ziel ist Kompetenzentwicklung und Verstehen.  Herausforderungen werden gesucht.  Fehler gelten als Lernchancen. Leistungszielorientierung Ziel ist Anerkennung und positive Bewertung.  Fokus auf Außenwirkung. Vermeidungsorientierung Situationen werden gemieden, um Misserfolg oder Bloßstellung zu verhindern. Konsequenz für die Praxis Rückmeldungen sollten:  an individuellen Fortschritten anknüpfen,  nicht primär mit anderen vergleichen. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Abraham Maslows Bedürfnishierarchie Wachstumsbedürfnisse 1. Transzendenz 2. Selbstverwirklichung 3. Kognitive und ästhetische Bedürfnisse Mangelbedürfnisse 4. Soziale Bedürfnisse 5. Sicherheitsbedürfnisse 6. Physische Grundbedürfnisse Grundidee Höhere Bedürfnisse werden besonders relevant, wenn grundlegende Bedürfnisse ausreichend erfüllt sind Kritik Menschliche Bedürfnisse verlaufen nicht immer streng hierarchisch Ilse Arlt und die Fürsorgetheorie Leitidee Nicht nur Leid lindern, sondern Bedingungen für menschliches Gedeihen schaƯen Beispiele ihrer Bedürfnisklassen  Ernährung  Wohnung  Kleidung  Erziehung  Rechtsschutz  Familienleben  Ärztliche Hilfe  Wirtschaftliche Tüchtigkeit Bedeutung für die Soziale Arbeit Probleme werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Folge unzureichender Bedürfnisbefriedigung Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Selbstbestimmungstheorie (Edward L. Deci & Richard Ryan) Drei psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie Das Gefühl, selbstbestimmt zu handeln. Kompetenz Das Gefühl, wirksam und fähig zu sein. Soziale Eingebundenheit Das Gefühl, angenommen und verbunden zu sein. Folgen von Frustration Langfristige Frustration kann zu:  Motivationsverlust,  Ersatzbefriedigungen,  selbstschädigendem Verhalten führen. Praktische Konsequenzen Fachkräfte sollten:  Entscheidungen erklären,  Adressat*innen beteiligen,  Eigenständigkeit fördern. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Zielsetzung als Motivationsgrundlage Ziele fördern:  Aufmerksamkeit,  Ausdauer,  Energie,  Kompetenzentwicklung. Gute Ziele sind  konkret,  realistisch,  mittelschwer,  in Teilziele unterteilt. Beispiel Statt „Ich will mein Leben ändern“:  „Einen Monat drogenfrei bleiben.“  „Meine Wohnung selbstständig aufräumen.“ Psychische Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe 1. Orientierung und Kontrolle Das Bedürfnis, Situationen zu verstehen und beeinflussen zu können. 2. Lustgewinn und Unlustvermeidung Angenehme Zustände anstreben, unangenehme vermeiden. 3. Selbsterhöhung und Selbstwertschutz Das Bedürfnis, sich als wertvoll und kompetent zu erleben. 4. Bindung Das Bedürfnis nach stabilen emotionalen Beziehungen. Bedeutung Werden diese Bedürfnisse verletzt, steigt das Risiko psychischer Probleme. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Kindesmisshandlung als systematische Bedürfnisverletzung Formen  Physische Misshandlung  Psychische Misshandlung  Sexuelle Gewalt  Vernachlässigung Folgen Posttraumatic Stress Disorder, Depression, Angst, Bindungsstörungen, Sucht, Suizidalität Dosis-Wirkungs-Zusammenhang Je länger und schwerer die Misshandlung, desto gravierender die Folgen Risikofaktoren für Kindesmisshandlung Elternbezogene Risiken  junges Alter,  finanzielle Belastung,  soziale Isolation,  psychische Erkrankungen,  Sucht,  unrealistische Erwartungen,  eigene Gewalterfahrungen. Aufgaben der Sozialen Arbeit Risikoreduktion  soziale Netzwerke stärken,  Erziehungskompetenz fördern,  psychotherapeutische Unterstützung vermitteln. Wirkfaktoren  tragfähige Arbeitsbeziehung,  Änderungsmotivation,  individuelle Anpassung. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Prävention  frühe Erkennung,  aufsuchende Hilfen,  regelmäßige Überprüfung. Fachkräfte im Spannungsfeld Sozialarbeiter*innen müssen:  Risiken erkennen,  Beziehungen aufbauen,  Grenzen professioneller Hilfe akzeptieren. Nicht alle Familien können dauerhaft erreicht werden. Zentrale Erkenntnisse für die Soziale Arbeit Motivation ist eng mit Bedürfnisbefriedigung verbunden. Verhalten, das als:  unkooperativ,  widerständig,  aggressiv,  passiv erscheint, kann Ausdruck verletzter Grundbedürfnisse sein. Professionelles Handeln bedeutet daher:  nicht vorschnell „fehlende Motivation“ zu unterstellen,  Bedürfnisse und Lebensbedingungen zu analysieren,  Autonomie, Kompetenz, Bindung und Selbstwert gezielt zu stärken. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Vorlesung 7: Psychische Probleme Was ist ein psychisches Problem? Ein psychisches Problem ist ein belastender Zustand, der sich im:  Denken (z. B. Grübeln, verzerrte Gedanken),  Erleben (z. B. Angst, Traurigkeit),  Handeln (z. B. Rückzug, Impulsivität) zeigt und zu Leidensdruck oder Einschränkungen im Alltag führt. Wichtige BegriƯe unterscheiden  Psychisches Problem: Allgemeiner OberbegriƯ; keine Diagnose notwendig.  Psychische Krise: Akute Überforderung, bisherige Bewältigungsstrategien reichen nicht mehr aus.  Psychische Störung: Diagnostisch definierte, klinisch bedeutsame und andauernde Beeinträchtigung.  Psychische Erkrankung: Prozesshafter BegriƯ, betont, dass Menschen nicht mit ihrer Diagnose gleichgesetzt werden. Gemeinsamkeiten psychischer Probleme Unabhängig von der genauen Bezeichnung treten meist zwei Merkmale auf:  Leidensdruck  Normabweichung Dabei können Veränderungen in Denken, Fühlen und Verhalten beobachtet werden Was ist „normal“? – Normen der Abweichung  Subjektive Norm Etwas fühlt sich für die Person selbst anders an als sonst.  Soziale Norm Verhalten weicht von gesellschaftlichen Erwartungen ab.  Statistische Norm Verhalten ist im Vergleich zur Mehrheit ungewöhnlich.  Funktionsnorm Biologische oder psychologische Funktionen weichen von typischen Mustern ab. Bedeutung für die Soziale Arbeit Normen sind kulturell und historisch geprägt. Fachkräfte müssen eigene Vorstellungen von „Normalität“ kritisch reflektieren. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Weitere Kriterien normabweichenden Verhaltens Nach Ronald C. Kessler nahen klinischen Ansätzen und Lehrbüchern werden häufig betrachtet:  Maladaptivität (unangepasstes Verhalten)  Devianz (Regelverletzung)  Irrationalität  Unvorhersagbarkeit  Soziales Unbehagen Normabweichung allein bedeutet jedoch noch keine psychische Störung Leiden als zentrales Kriterium Leidensdruck ist ein Schlüsselkriterium psychischer Probleme. Leiden zeigt sich:  im Denken (z. B. Grübeln),  im Erleben (z. B. Kummer),  im Verhalten (z. B. Rückzug). Wichtig Manchmal leidet vor allem das Umfeld, während BetroƯene selbst keine Krankheitseinsicht haben Psychische Störung (DSM-5 / ICD) Eine psychische Störung ist:  klinisch bedeutsam,  Ausdruck einer psychischen, biologischen oder entwicklungsbezogenen Dysfunktion,  über einen gewissen Zeitraum anhaltend,  mit erheblichem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen verbunden. Wichtig  Normabweichung ≠ psychische Störung  Symptome ≠ Diagnose  Kulturell verständliche Reaktionen (z. B. Trauer) sind nicht automatisch Störungen. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Sensible Sprache und Stigmatisierung Diagnosen können hilfreich sein, aber auch zu Stigmatisierung führen Professioneller Sprachgebrauch Nicht:  „die Borderlinerin“  „der Schizophrene“ Sondern:  „eine Person mit einer Borderline Personality Disorder“  „ein Mensch mit einer Schizophrenia“ Grundprinzip Die Person steht im Vordergrund, nicht die Diagnose Psychische Probleme ohne Diagnose Menschen können starke Belastungen haben, ohne die Kriterien einer Störung zu erfüllen. Beispiele:  Burnout  Suizidale Krisen  Aggressives Verhalten Diese Zustände können dennoch erheblichen Leidensdruck und soziale Folgen verursachen. Psychische Krise Eine psychische Krise ist ein Zustand intensiver Überforderung, in dem bisherige Bewältigungsstrategien versagen Merkmale  starke emotionale Belastung,  Gefühl der Ausweglosigkeit,  Infragestellung bisheriger Lebensziele. Krisen sind:  normale Lebenserfahrungen,  potenzielle Wachstumschancen,  mögliche Auslöser psychischer Störungen. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Wechselwirkungen zwischen Problemen, Krisen und Störungen Psychische und soziale Belastungen beeinflussen sich gegenseitig:  Soziale Probleme können Krisen auslösen.  Krisen können psychische Störungen begünstigen.  Psychische Störungen können soziale Probleme verstärken. Beispiel Schulden → Krise → Depression → Arbeitslosigkeit → weitere Schulden Bedeutung für die Soziale Arbeit Soziale Arbeit begegnet psychischen Problemen in vielen Feldern:  Sozialpsychiatrie  Betreutes Wohnen  Familienhilfe  Wohnungslosenhilfe  StraƯälligenhilfe  Schuldnerberatung Aufgaben der Sozialen Arbeit  soziale Problemlagen bearbeiten,  Ressourcen stärken,  Krisen begleiten,  interprofessionell mit Psychologie und Psychiatrie zusammenarbeiten. Interprofessionalität Psychische und soziale Probleme sind eng miteinander verwoben. Soziale Arbeit bearbeitet vor allem:  Schulden,  Wohnprobleme,  Isolation,  berufliche Perspektiven,  familiäre Belastungen. Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen erfolgen durch:  Clinical Psychology,  Psychiatry,  Psychotherapie. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Kernbotschaften  Sensibler Sprachgebrauch Problem, Krise, Störung und Erkrankung sind nicht synonym.  Normen sind relativ Abweichung hängt von subjektiven, sozialen, statistischen und biologischen Perspektiven ab.  Leiden ist zentral Eigenes oder fremdes Leid ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal.  Normabweichung allein reicht nicht Erst Dauer, Dysfunktion und Beeinträchtigung machen eine psychische Störung aus.  Interprofessionelle Zusammenarbeit ist unverzichtbar Psychische und soziale Probleme können nur gemeinsam wirksam bearbeitet werden. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit 8. Vorlesungen: Psychologische Grundorientierungen Psychoanalytische Grundorientierung – Überblick 1. Grundidee der Psychoanalyse Begründer: Sigmund Freud Zentrale Annahme:  Menschen handeln nicht nur bewusst.  Viele Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen werden durch unbewusste Prozesse beeinflusst.  Aktuelle Probleme haben häufig einen Bezug zu früheren Erfahrungen und Beziehungserlebnissen. Psychoanalyse ist zugleich:  Theorie menschlichen Erlebens  Forschungsmethode  Behandlungsmethode 2. Menschenbild der Psychoanalyse Die psychoanalytische Orientierung ist überwiegend endogenistisch. Der Mensch wird verstanden als:  durch innere Konflikte geprägt  von frühen Kindheitserfahrungen beeinflusst  teilweise unbewusst gesteuert  grundsätzlich entwicklungs- und veränderungsfähig Für die Soziale Arbeit bedeutet das: 膆  Verhalten wird nicht vorschnell bewertet, sondern verstanden. Frage: „Welcher innere Konflikt könnte hinter diesem Verhalten stehen?“ Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit 3. Freuds Triebtheorie Freud ging davon aus, dass menschliches Verhalten durch psychische Energien angetrieben wird. Eros (Lebenstrieb)  Liebe  Bindung  Sexualität  Selbsterhaltung Thanatos (Todes-/Destruktionstrieb)  Aggression  Zerstörung  Selbstschädigung Zwischen beiden Kräften entstehen Spannungen und Konflikte. 4. Psychosexuelle Entwicklungsphasen Freud nahm an, dass sich die Persönlichkeit in verschiedenen Entwicklungsphasen bildet. Phase Alter Schwerpunkt Oral 1. Lebensjahr Mund, Saugen Anal 2.–3. Jahr Kontrolle, Ausscheidung Phallisch ca. 3.–6. Jahr Geschlechtsidentität Latenz Kindheit relative Ruhe Genital Pubertät reife Sexualität Fixierung Werden Konflikte nicht ausreichend gelöst, kann eine Fixierung entstehen. Beispiele:  oral → starke Abhängigkeit  anal → übermäßige Ordnung, Starrheit  genital → impulsives Verhalten Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit 5. Instanzenmodell der Persönlichkeit Freuds bekanntestes Modell: Über-Ich Verinnerlichte Normen und Werte - das Gewissen ↑ │ ↓ Ich Vermittlungsinstanz zwischen Es und Über-Ich; erhält den Realitätsbezug aufrecht ↑ │ ↓ Es Ursprüngliche Triebe und basale Bedürfnisse Beispiel Herr K. möchte nicht zum Jobcenter gehen. Es: „Ich will meine Ruhe.“ Über-Ich: „Du musst Verantwortung übernehmen!“ Ich: versucht einen Kompromiss zu finden. 6. Abwehrmechanismen Weiterentwickelt von Anna Freud Sie schützen vor Angst und inneren Konflikten. Verdrängung Belastende Inhalte werden unbewusst ausgeschlossen. Beispiel: Traumatische Erinnerung wird vergessen. Regression Rückfall auf frühere Entwicklungsformen. Beispiel: Ein Erwachsener reagiert trotzig wie ein Kind. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Projektion Eigene Gefühle werden anderen zugeschrieben. Beispiel: „Alle sind gegen mich.“ Sublimierung Triebenergie wird gesellschaftlich akzeptiert ausgelebt. Beispiel: Aggression → Leistungssport. 7. Neurosen Neurosen entstehen nach Freud durch:  innere Konflikte  ungelöste Entwicklungsaufgaben  Konflikte zwischen Es, Ich und Über-Ich Wichtig: 膆  Symptome werden als Selbstheilungsversuch verstanden. Sie sollen psychisches Gleichgewicht herstellen 8. Psychoanalytische Behandlung Ziel: Unbewusste Konflikte bewusst machen. Ablauf: 1. Unbewusstes aufdecken 2. Konflikte verstehen 3. Konflikte durcharbeiten 4. Veränderung ermöglichen Methode:  freie Assoziation  unbewusstes aufdecken  Deutung und Durcharbeitung  Veränderung Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit 9. Übertragung und Gegenübertragung Besonders wichtig für die Soziale Arbeit Übertragung Klient*innen übertragen Gefühle aus früheren Beziehungen auf Fachkräfte. Beispiel: Herr K. sagt: „Sie sind genauso wie alle anderen!“ Möglicherweise wurden frühere Autoritätspersonen als kontrollierend erlebt. Gegenübertragung Gefühle der Fachkraft gegenüber dem Klienten. Beispiel: Die Sozialarbeiterin denkt: „Er sabotiert alles selbst.“ Diese Reaktion liefert Hinweise auf die Beziehungsdynamik. 10. Relationale Wende Moderne Psychoanalyse betont stärker:  Beziehung  Bindung  aktuelle Interaktion Wichtige Vertreter:  Alfred Adler  Heinz Kohut  Peter Fonagy Heute steht weniger die Konfrontation, sondern mehr die tragfähige Beziehung im Vordergrund. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit 11. Bedeutung für die Soziale Arbeit Zentrale Konzepte: Szenisches Verstehen Nicht nur auf das Gesagte achten, sondern auf:  Gefühle  Beziehungsmuster  Körpersprache  Dynamiken Mentalisierung Frage: „Was könnte im Inneren der Person vorgehen?“ Ziel:  Gedanken, Gefühle und Motive besser verstehen. Beziehungsarbeit Die Beziehung selbst wird zum wichtigsten Arbeitsinstrument. Professionelle Haltung:  verstehend  reflektiert  wertschätzend  nicht vorschnell bewertend Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Fallbeispiel Herr K. (mögliche Analyse) Übertragung „Sie wollen mich kontrollieren.“ → frühere Erfahrungen mit enttäuschenden oder kontrollierenden Bezugspersonen. Gegenübertragung Sozialarbeiterin fühlt:  Ärger  Fürsorge  Hilflosigkeit Diese Gefühle sollten reflektiert werden. Professionelle Antwort „Ich habe den Eindruck, dass die Planung der nächsten Schritte bei Ihnen auch Sorgen oder schlechte Erfahrungen auslöst. Mir ist wichtig, gemeinsam herauszufinden, was es gerade schwierig macht und wie wir einen Weg finden können, der für Sie passend ist.“ Klausur-Merksätze 膆  Freud = Begründer der Psychoanalyse 膆  Verhalten wird durch bewusste und unbewusste Prozesse beeinflusst 膆  Instanzenmodell: Es – Ich – Über-Ich 膆  Abwehrmechanismen schützen vor Angst 膆  Übertragung = Gefühle aus früheren Beziehungen werden auf Fachkräfte übertragen 膆  Gegenübertragung = Reaktionen der Fachkraft auf den Klienten 膆  Moderne Psychoanalyse betont Beziehung, Bindung und Mentalisierung 膆  Für die Soziale Arbeit sind Beziehungsgestaltung und szenisches Verstehen besonders bedeutsam. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Humanistische Grundorientierung Grundidee Die humanistische Psychologie entstand als „dritte Kraft“ neben Psychoanalyse und Behaviorismus. Sie betrachtet den Menschen als:  entwicklungsfähig  selbstbestimmt  reflexionsfähig  sozial eingebunden  grundsätzlich auf Wachstum und Entfaltung ausgerichtet Wichtige Vertreter sind Carl Rogers, Abraham Maslow und Charlotte Bühler. Menschenbild Aktualisierungstendenz Nach Rogers besitzt jeder Mensch eine angeborene Tendenz, seine Fähigkeiten zu entfalten und sich weiterzuentwickeln. Voraussetzung:  günstige Umweltbedingungen  sichere Beziehungen  Anerkennung und Wertschätzung Zentrale Unterschiede zur Psychoanalyse Psychoanalyse Humanistische Orientierung Fokus auf unbewusste Konflikte Fokus auf aktuelle Erfahrungen Therapeut deutet Klient deutet sich selbst Vergangenheit zentral Gegenwart und Entwicklung zentral Übertragung wichtig Reale Beziehung wichtig Der Mensch wird nicht primär als durch Triebe oder Defizite bestimmt verstanden, sondern als aktiver Gestalter seines Lebens Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Inkongruenz Psychische Probleme entstehen nach Rogers häufig durch eine Inkongruenz zwischen:  dem tatsächlichen Erleben  dem Selbstbild einer Person Beispiel: „Ich muss immer stark sein.“ Gleichzeitig erlebt die Person Angst oder Überforderung. Diese Erfahrungen werden dann verdrängt, verleugnet oder verzerrt. Die drei Basisvariablen nach Rogers 1. Empathie Die Fachkraft versucht, die Welt aus der Perspektive der Klientin bzw. des Klienten zu verstehen. Frage: „Wie erlebt die Person ihre Situation?“ 2. Bedingungslose Wertschätzung Die Person wird angenommen und respektiert, unabhängig von Fehlern oder problematischem Verhalten. Wichtig:  Verhalten kann kritisch betrachtet werden.  Die Person bleibt wertvoll. 3. Kongruenz (Authentizität) Die Fachkraft ist echt und transparent. Sie versteckt sich nicht hinter einer Rolle, sondern begegnet der Person als authentisches Gegenüber. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Die Beziehung als Intervention Eine der wichtigsten Aussagen der humanistischen Orientierung: Die Beziehung selbst wirkt heilend. Anders als in anderen Ansätzen steht nicht die Methode im Vordergrund, sondern die Qualität der Begegnung. Eine professionelle Beziehung bietet:  Sicherheit  Anerkennung  Verständnis  Entwicklungsmöglichkeiten Bedeutung für die Soziale Arbeit Die Fachkraft:  begegnet Adressat*innen auf Augenhöhe  vermeidet vorschnelle Diagnosen und Bewertungen  unterstützt Selbstbestimmung  fördert Selbstexploration  schaƯt einen sicheren Beziehungsrahmen Dadurch können Menschen eigene Lösungen entwickeln und neue Sichtweisen auf sich selbst gewinnen. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Beispiel: Jenny (17 Jahre) Aussage: „Am Ende wird doch sowieso wieder entschieden, was mit mir passiert.“ Personzentrierte Reaktion Statt: „Das stimmt doch gar nicht.“ eher: „Es klingt so, als hätten Sie oft erlebt, dass andere Entscheidungen für Sie getroƯen haben. Gleichzeitig wirkt es auf mich, als wären Sie unsicher, ob dieses Gespräch überhaupt hilfreich sein kann.“ Hier zeigen sich:  Empathie  Wertschätzung  Kongruenz Prüfungsrelevante Merksätze 膆  Mensch = entwicklungs- und wachstumsfähig 膆  Probleme entstehen häufig durch Inkongruenz 膆  Beziehung ist der zentrale Wirkfaktor 膆  Empathie, Wertschätzung und Kongruenz sind die drei Basisvariablen 膆  Die Fachkraft ist Begleiterin, nicht Expertin für das Leben der Klient*innen 膆  Ziel ist Selbstexploration, Selbstakzeptanz und persönliche Entwicklung Merksatz für die Klausur: Die humanistische Grundorientierung versteht den Menschen als grundsätzlich entwicklungsfähiges Wesen. Veränderung entsteht vor allem durch eine empathische, wertschätzende und authentische Beziehung, in der die Person ihre eigenen Erfahrungen verstehen und integrieren kann. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Kognitiv-Verhaltensorientierte Grundorientierung Grundidee Die Verhaltenstherapie entstand als Gegenbewegung zur Psychoanalyse. Während die Psychoanalyse nach unbewussten Ursachen sucht, fragt die Verhaltenstherapie: „Welches Verhalten zeigt die Person und wodurch wird es aufrechterhalten?“ Menschen werden als lernende Wesen verstanden. Problematisches Verhalten ist häufig erlernt und kann deshalb auch wieder verändert werden. Die drei Wellen der Verhaltenstherapie 1. Welle: Behaviorismus Vertreter:  John B. Watson  B. F. Skinner  Iwan Pawlow Menschenbild Der Mensch reagiert auf Umweltreize. Innere Prozesse (Gedanken, Gefühle) werden zunächst nicht betrachtet. Blackbox-Modell Reiz → Blackbox → Reaktion Nur beobachtbares Verhalten gilt als wissenschaftlich untersuchbar. Lernprinzipien Klassische Konditionierung Lernen durch Verknüpfung. Beispiel:  Hund bekommt Futter → Speichelfluss  Glocke + Futter → Speichelfluss  Glocke allein → Speichelfluss Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Operante Konditionierung Lernen durch Konsequenzen. Verhalten wird häufiger, wenn es belohnt wird. Beispiel: Kind räumt auf → Lob → räumt häufiger auf. Modelllernen Nach Albert Bandura. Menschen lernen durch Beobachtung anderer. Beispiel: Jugendliche übernehmen Verhaltensweisen von Freunden, Eltern oder Influencern. 2. Welle: Kognitive Wende Seit den 1970er Jahren. Nicht nur Verhalten ist wichtig, sondern auch:  Gedanken  Bewertungen  Überzeugungen  Erwartungen Grundannahme: Nicht Situationen verursachen Gefühle, sondern die Bewertung der Situation. ABC-Modell nach Ellis A = Activating Event Auslösende Situation Beispiel: „Ich bekomme eine schlechte Note.“ Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit B = Belief System Gedanken und Bewertungen Beispiel: „Ich bin komplett unfähig.“ C = Consequences Folgen Gefühle  Angst  Scham  Traurigkeit Körper  Herzrasen  Schwitzen Verhalten  Rückzug  Vermeidung Beispiel A: Ausbilder kritisiert mich. B: „Alle halten mich für unfähig.“ C:  Angst  Anspannung  Fehlzeiten  Vermeidung Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Sozialarbeiterische Gesprächsfrage „Was geht Ihnen in solchen Situationen durch den Kopf?“ oder „Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie an den nächsten Ausbildungstag denken?“ Kognitive Umstrukturierung Ziel: Belastende Gedanken erkennen und überprüfen. Vier Schritte 1. Bewusstwerden Automatischen Gedanken erkennen. Beispiel: „Ich schaƯe das sowieso nicht.“ 2. Hinterfragen Belege sammeln. Fragen:  Stimmt das wirklich?  Welche Gegenbeispiele gibt es? 3. Neubewerten Realistischeren Gedanken entwickeln. Statt: „Ich schaƯe nie etwas.“ eher: „Diese Situation ist schwierig, aber ich habe auch schon Herausforderungen bewältigt.“ 4. Ausprobieren Neue Sichtweise im Alltag testen. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit SORCK-Modell Detaillierte Verhaltensanalyse nach Frederic Kanfer. Buchstabe Bedeutung S Stimulus (Auslöser) O Organismusvariable R Reaktion K Kontingenz C Konsequenz Beispiel Jugendliche verlässt Gespräch. S  Thema Schule wird angesprochen. O  Frühere Misserfolge und Angst vor Kritik. R  Rückzug und Gesprächsabbruch. K  Vermeidung reduziert zuverlässig Stress. C  Kurzfristige Erleichterung. Langfristig bleibt das Problem bestehen. 3. Welle der Verhaltenstherapie Seit den 1990er Jahren. Fokus auf:  Emotionen  Achtsamkeit  Akzeptanz  Selbstmitgefühl Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Wichtige Verfahren ACT Akzeptanz- und Commitment-Therapie Ziel: Gefühle akzeptieren und trotzdem werteorientiert handeln. DBT Dialektisch-Behaviorale Therapie Besonders bei starker Emotionsregulation und Selbstverletzungen. MBCT Mindfulness-Based Cognitive Therapy Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie. MBSR Mindfulness-Based Stress Reduction Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Bedeutung für die Soziale Arbeit Verhaltenstherapeutische Elemente finden sich häufig in:  Jugendhilfe  Schulsozialarbeit  Wohnungslosenhilfe  Suchthilfe  Sozialpsychiatrie Typische Anwendungen:  Soziale Kompetenztrainings  Belohnungssysteme (Token-Systeme)  Angstbewältigung  Psychoedukation  Gesprächsführung mit ABC- oder SORCK-Modell Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Grenze zwischen Sozialer Arbeit und Psychotherapie Soziale Arbeit  Unterstützen  Strukturieren  Motivieren  Psychoedukation  Ressourcen fördern  Alltag bewältigen helfen Psychotherapie  Diagnostik psychischer Störungen  Behandlung psychischer Erkrankungen  Traumatherapie  Tiefgehende Veränderung psychischer Symptome Deshalb ist häufig interprofessionelle Zusammenarbeit notwendig. Prüfungsrelevante Merksätze 膆  Verhalten wird gelernt und kann wieder verlernt bzw. verändert werden. 膆  Gedanken beeinflussen Gefühle und Verhalten. 膆  Nicht das Ereignis (A), sondern seine Bewertung (B) erzeugt die Konsequenzen (C). 膆  Vermeidung reduziert kurzfristig Belastung, stabilisiert Probleme aber oft langfristig. 膆  Das SORCK-Modell dient der systematischen Verhaltensanalyse. 膆  Moderne KVT berücksichtigt Gedanken, Gefühle, Verhalten und soziale Beziehungen. Klausur-Merksatz Die kognitiv-verhaltensorientierte Grundorientierung geht davon aus, dass psychische Probleme durch erlernte Verhaltensweisen, Bewertungen und emotionale Reaktionsmuster entstehen und durch Analyse, Reflexion sowie neue Erfahrungen verändert werden können. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Systemische Grundorientierung Grundidee Systemische Ansätze sind in der Sozialen Arbeit sehr verbreitet. Sie sehen Probleme nicht als Eigenschaft einer einzelnen Person, sondern als Ergebnis von Wechselwirkungen in Beziehungen, Familien und Institutionen. Zentrale Grundlagen:  Konstruktivismus  Systemtheorie Konstruktivismus Die Wirklichkeit ist nicht einfach objektiv „da“, sondern wird durch Beobachtung und Kommunikation mit konstruiert. Kernaussage Es gibt keine absolute, voraussetzungsfreie Wahrheit. Menschen nehmen Realität immer aus ihrer jeweiligen Perspektive wahr. Wahrnehmung wird beeinflusst durch:  Sprache  Kultur  Geschichte  Medien  soziale Beziehungen Bedeutung für die Soziale Arbeit Fachkräfte sollten nicht fragen: „Was ist die richtige Wahrheit?“ sondern eher: „Wie wird die Situation von den Beteiligten jeweils erlebt und gedeutet?“ Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Systemtheorie Ein System ist eine Gruppe von Elementen, die durch Beziehungen verbunden sind. Wichtige BegriƯe System  mehrere Elemente  durch Beziehungen verbunden  von der Umwelt abgrenzbar Zirkularität  Jedes Verhalten beeinflusst anderes Verhalten  Ursachen und Wirkungen laufen gegenseitig  Kein einfaches „A verursacht B“ Beobachtung  Erst durch den systemischen Blick wird ein System sichtbar  Die Beobachterin ist nicht neutral außenstehend, sondern Teil der Wirklichkeitskonstruktion Entwicklung systemischer Ansätze 1950er Jahre: Familie wird wichtig  Weg von der reinen Einzelbehandlung  Familie und Umfeld werden in Therapie und Beratung einbezogen Kybernetik erster Ordnung  Familie wurde als steuerbares System verstanden  Fokus auf Homöostase, also Gleichgewicht Kybernetik zweiter Ordnung  Beobachterin und Beraterin werden selbst Teil des Systems  Wirklichkeit wird als Konstruktion verstanden  Weniger Steuerung, mehr Reflexion Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Wichtige Vertreter*innen und Schulen  Palo-Alto-Gruppe  Virginia Satir  Salvador Minuchin  Mailänder Gruppe  Michael White  de Shazer  Tom Andersen Grundhaltung systemischer Arbeit 1. Lösungsorientierung Nicht das Problem wird endlos analysiert, sondern nach Lösungen und kleinen Veränderungen gesucht. 2. Ressourcenorientierung Jede Person und jedes System hat Fähigkeiten, Stärken und Bewältigungsmöglichkeiten. 3. Angebotsorientierung Fachkräfte können nur Angebote machen, keine Veränderungen erzwingen. 4. Sinnhaftigkeit von Verhalten Auch problematisches Verhalten hat aus Sicht der Person oft einen guten Grund. 5. Nichtwissende Haltung Fachkräfte sind nicht die allwissenden Expert*innen, sondern begleiten den Prozess. Virginia Satir: Menschenbild Satir betonte, dass Menschen zu einem erfüllten Leben fünf Freiheiten brauchen: 1. wahrnehmen, was wirklich da ist 2. sagen, was man denkt und fühlt 3. zu Gefühlen stehen 4. um Bedürfnisse bitten 5. Risiken eingehen Familie als „Fabrik der Persönlichkeit“ Die Familie prägt Selbstwert, Kommunikation, Regeln und den Umgang mit der Gesellschaft. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Belastete vs. fördernde Familien Belastete Familien  niedriger Selbstwert  indirekte oder vage Kommunikation  starre Regeln  angstvolle Beziehung zur Umwelt Fördernde Familien  hoher Selbstwert  klare und ehrliche Kommunikation  flexible Regeln  oƯene, hoƯnungsvolle Beziehung zur Umwelt Typische systemische Methoden Zirkuläre Fragen Fragen, die Perspektivwechsel ermöglichen. Beispiel:  „Woran würde Ihre Mutter merken, dass sich etwas verändert?“ Wunderfrage Frage nach einer Zukunft, in der das Problem gelöst ist. Beispiel:  „Woran würden Sie morgen als Erstes merken, dass ein Wunder passiert ist?“ Ausnahmen Fragen nach Situationen, in denen das Problem weniger stark war. Reframing Neubewertung eines Verhaltens in einem neuen Sinnzusammenhang. Beispiel:  Statt „unzuverlässig“ eher: „steht unter widersprüchlichen Erwartungen“. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Skalierungsfragen Belastung oder Veränderung auf einer Skala einschätzen. Systemisch sehen heißt: Nicht vorschnell einzelne Personen verantwortlich machen, sondern fragen:  Wer beeinflusst wen?  Welche Erwartungen wirken?  Welche Regeln und Abhängigkeiten bestehen?  Welche Muster stabilisieren das Problem? Bedeutung für die Soziale Arbeit Systemische Soziale Arbeit ist besonders wichtig, weil sie:  Beziehungen,  Familie,  Institutionen,  Netzwerke,  und soziale Kontexte miteinbezieht. Sie passt gut zur Sozialen Arbeit, weil dort fast immer mehrere Systeme gleichzeitig wirken:  Familie  Schule  Jugendamt  Jobcenter  Wohngruppe  Freundeskreis Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Zentrale Merksätze  Probleme sind oft Beziehungs- und Kontextphänomene.  Verhalten ist meist sinnvoll im jeweiligen System.  Veränderungen entstehen über Anstöße, nicht über Zwang.  Fachkräfte beobachten nicht nur das Problem, sondern auch die Muster dahinter.  Systemische Soziale Arbeit erweitert Handlungsmöglichkeiten, statt Schuld zuzuweisen. Klausur-Merksatz Die systemische Grundorientierung versteht Verhalten als Ergebnis von Wechselwirkungen in sozialen Systemen und arbeitet ressourcen-, lösungs- und beziehungsorientiert mit einer nichtwissenden Haltung. Zusammenfassung 8.1 Grundlagen psychischer Entwicklung, Gesundheit & Krankheit Aspekt Humanistische Grundorientierung Kognitiv- verhaltensorientierte Grundorientierung (KVT) Systemische Grundorientierung Menschenbild Mensch als entwicklungsfähiges, sinn- und beziehungsorientiertes Wesen Mensch als lernendes Wesen, Verhalten ist erlernt und veränderbar Mensch als Teil von Beziehungs- und Kommunikationssystemen Ursache von Problemen Inkongruenz zwischen Selbstbild und Erfahrung Dysfunktionale Lernerfahrungen, Gedanken und Verhaltensmuster Interaktionsmuster im System (Familie, Institutionen etc.) Fokus der Erklärung Innere Erleben, Selbst, Beziehung Verhalten + Gedanken + Emotionen Beziehungen, Kommunikation, Kontext Veränderungslogik Veränderung durch Beziehung und Selbstexploration Veränderung durch Lernen, Üben, Umstrukturieren Veränderung durch Veränderung von Mustern im System Therapeutische/soziale Haltung Empathie, Kongruenz, Wertschätzung Strukturierend, problem- und zielorientiert Nichtwissend, neugierig, zirkulär Rolle der Fachkraft Beziehungsperson, authentisches Gegenüber Trainerin / Coach / Problemlöserin Moderator*in von Perspektiven und Systemprozessen Wichtige Methoden Aktives Zuhören, Gespräch, Beziehung ABC-Modell, SORKC, kognitive Umstrukturierung, Verstärkung Zirkuläre Fragen, Reframing, Genogramm, Wunderfrage Zielsetzung Selbstverwirklichung, Wachstum, Kongruenz Symptomreduktion, Verhaltensänderung, Bewältigung Veränderung von Kommunikations- und Beziehungsmustern Störungsverständnis Blockierte Entwicklung durch inkongruente Erfahrungen Fehl- oder ungünstig gelernte Muster Stabilisierung problematischer Systemdynamiken Zeitlicher Fokus Gegenwart + subjektives Erleben Gegenwart + konkrete Verhaltensanalyse Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im System Beziehungsverständnis Beziehung ist zentraler Wirkfaktor (Beziehung = Intervention) Beziehung als Rahmen für Veränderung Beziehung als Teil des Systems und seiner Muster